Angst vor dem Sterben – Angst vor dem Leben

| 31.01.2018 | ,

Therapeutischer Umgang mit existentieller Not

Im bis auf eren letzten Platz besetzten großen Vortragsraum des Sigma- Zentrums fand im Rahmen der Reihe „Im Dialog“ eine hochkarätige Fortbildung zum Thema „Angst vor dem Sterben, Angst vor dem Leben – therapeutischer Umgang mit existenzieller Not“ statt. Referiert hat der bekannte Experte für potentialorientierte Psychotherapie, Dr. Wolf Büntig. Für den Arzt und Psychotherapeuten gibt es zwischen Gesundheit und Krankheit ein Spektrum: „Wir sind nicht entweder gesund oder krank – wir sind entweder mehr krank oder mehr gesund.“ Die Medizin kümmert sich gerne um die Pathogenese, also die Frage, was krank macht. Viel spannender und wichtiger ist jedoch die Salutogenese und die Frage „Was hält uns gesund?“. Essentiell sind die Potentiale, die uns Menschen als Möglichkeiten „bildhaft eingegeben“ sind. Sie können uns zur Chance, zum Bedürfnis, zur Notwendigkeit und zum Auftrag werden.

„Der Kampf, Kontrolle über das Leben gewinnen zu wollen, ist Teil der Krankheit. Wir können das Leben nicht kontrollieren“, ist der seit 30 Jahren mit der Entwicklung einer potentialorientierten Psychotherapie befasste Experte sicher. Dabei geht es dem Mitbegründer und Leiter des Zentrums für Individualund Sozialtherapie (ZIST) in Penzberg/ Bayern über die Bewältigung von Trauma hinaus um die Verwirklichung des menschlichen Potentials in einem vom Wesen her gelebten Leben. „Warum fürchten wir uns vor dem Sterben?“ – so lautete die Eingangsfrage des Referenten an seine Zuhörer: „Einsamkeit“, „Schmerzen“, „Abhängigkeit von anderen Menschen“, „Trauer um ,nicht gelebtes Leben“, so einige Antworten. ,Eigentlich seien die durchweg negativen Konnotationen verwunderlich, so Büntig. Die Nahtodberichte aus allen Kulturen sprächen da eine ganz andere Sprache. Hier ginge es um Licht, Aufgehoben-sein und Willkommensein. Im Rahmen einer Sepsis habe er vor 3 Jahren eine ähnliche Erfahrung machen dürfen. Die engen Ich-Definitionen seien dabei aufgehoben worden. Alles sei „gleich gültig“ geworden.

Das totale Angewiesensein auf andere Mitmenschen verweise jedoch oft auf negative Erfahrungen unmittelbar nach der Geburt. Bis heute werde dabei mit Säuglingen nicht adäquat umgegangen. Die Nabelschnur werde zu früh durchschnitten, der erste Atemzug werde durch Klopfen auf den Rücken erzwungen. Bis 1987 wurde das Buch „Die Mutter und ihr erstes Kind“ verlegt, das auf Ideen des Dozenten Schreber aus den 40er Jahren zurückgeht und der propagiert hat, Kinder nach der Uhr zu füttern und dazwischen schreien zu lassen: „Brüllen nützt nichts“, so die Erfahrung vieler Kinder, die dadurch in ihrer Selbstwirksamkeit frustriert würden. In der „Trotzphase“ werde dann systematisch die freie Eigenart der Kinder beschnitten, was man dann „Erziehung“ nennt.
„Die eigene Natur wegzudrücken ist anstrengend, ein ständiger Kampf“, und führt häufig zu „Depressionen (abgeleitet von lat. deprimere = niederdrücken).

Dagegen steht für Dr. Büntig ein Impuls, „der zu werden, zu dem ich gemeint bin“. Es stelle sich die Frage: Was will von mir gelebt sein? Krankheiten können somit auch als Ausgangspunkt für einen Neuanfang gesehen werden.

Wie können wir nun das Potential unterstützen? Durch „Fühlen“ lernen wir, was uns entspricht. Die Aufgabe sei, „dem, was ich mit Sinnen wahrnehme, eine persönliche Bedeutung zu geben“. Fühlen bedeute, in „Kontakt zu bleiben“, das könne durchaus auch wehtun. Der Therapeut könne hier unterstützen, wenn er ausdrückt: „Bleib dabei, ich bleibe auch dabei“.

Zusammenfassend sieht Dr. Büntig in der Angst vor dem Sterben oft eine Projektion der frühen Beziehungserfahrung. Angst („Enge“) sei eine mit Muskelkraft getane Arbeit. „Gute Erfahrungen“ von Kontrollverlust müssten ergänzend erfolgen. Abraham Maslow (1908 – 1970), einem der Mitbegründer der transpersonalen Psychologie, sieht der Referent einen guten Lehrmeister: Im Gegensatz zu Freud habe er am gesunden Menschen studiert und Gemeinsamkeiten eines befriedigenden Alltags und eines geglückten Lebens herausgefunden. Nach Maslow sind wir alle „religiöse Wesen“, begabt zu Gipfelerlebnissen und transrationalem Bewusstsein.

(Autor: Dr. Johannes Bauer)

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