Denken. Spüren. Machen.

| 03.04.2018 |

Wirkfaktoren in der Psychotherapie

Beginnend mit Freuds Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten sich in der Folge zahlreiche psychotherapeutische Schulen und Verfahren mit häufig unterschiedlichen Terminologien und Schwerpunktlegungen. Auch heute noch erfolgt die Ausbildung von Psychotherapeuten in Deutschland weitgehend schulengeleitet, wenngleich in Forschung und Praxis eklektische Herangehensweisen üblich sind. In jüngerer Vergangenheit gewannen erfahrungsbezogene Zugänge zunehmend an Bedeutung: Entspannungsverfahren, Achtsamkeitsübungen oder kreative Elemente haben sich mittlerweile auch in überwiegend verbal geführten Psychotherapieformen weitgehend etabliert. In ähnlicher Weise ist eine Zunahme an Wertschätzung verschiedener Co-Therapien, wie Kunsttherapie, Musiktherapie oder Körpertherapie zu beobachten, die ihrerseits wiederum jeweils eigenen theoretischen Verständnissen folgen unter Verwendung verschiedener Begrifflichkeiten.

Brigitte Seiler vermittelte in ihrem Vortrag Einblicke in die Wirkverständnisse unterschiedlicher psychotherapeutischer Ansätze und präsentierte mit dem Modell interaktionaler Veränderungsprozesse (ModiV) und seinen 16 Wirkfaktoren die Ergebnisse ihrer pluridisziplinär angelegten Forschungsarbeit. Mit dem axial gegliederten ModiV können die Prinzipien menschlicher Veränderung therapieschulenunabhängig auf einem hohen Abstraktionsniveau zusammenführt werden. Keiner spezi­fi­schen Anthropologie verpflichtet, leistet es damit einen wichtigen Beitrag zu einer Metatheorie menschlicher Veränderung.

Das ModiV kann eine systematische Erfassung des gegenwärtigen Ausgangspunkts von Patientinnen und Patienten wirkungsvoll unterstützen und gibt darüber hinaus wertvolle Hinweise, wie Menschen auf ihrem Weg in die Alltagsbewältigung zielorientiert gefördert werden können. Da das situative Denken, Fühlen und Handeln im psychotherapeutischen Kontext nicht nur von den biographisch erworbenen Spuren der Patientinnen und Patienten beeinflusst wird, sondern auch von den individuell erlebten Bedingungen, kommt der Gestaltung dieser Bedingungen eine wichtige Bedeutung zu. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Fähigkeit multipler Bedingungsmodulation, also die Fähigkeit, die Wirkfaktoren einflussnehmender Bedingungen auf die individuelle optimale Inkongruenzspannung einer Patientin/eines Patienten zwischen Überwindung und Überforderung ausrichten zu können, eine wichtige Grundlage effektiven psychotherapeutischen Handelns darstellt.

Der zweite Teil des Vortrags widmete sich den besonderen Möglichkeiten kunsttherapeutischer Verfahren. Mit der multimodalen Verarbeitung und den regulativen Potenzialen multipler Bedingungsmodulation konnten komplexe Verarbeitungsprozesse als besonders wirksam identifiziert werden. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass diffuse Erlebniszustände erweiterte Möglichkeiten emotionaler Regulation eröffnen und Erfahrungen der Selbstwirksamkeit die motivationale Entwicklung von Patientinnen und Patienten begünstigen. Den Forschungsergebnissen folgend lässt sich Leistungsmotivation in drei Skalen mit jeweils internaler und externaler Ausprägung ausdifferenzieren: Wirksamkeitserwartung, Verantwortung und Initiative. Sie können mit dem Persönlichkeits- und Motivationstests permOt erfasst werden und geben mit ihren jeweiligen Ausprägungen wichtige Hinweise zum Aufbau der Patienten-Therapeuten-Beziehung sowie zur Gestaltung der Therapiebedingungen.

Literatur: Seiler, B. (2018). Wirkfaktoren menschlicher Veränderungsprozesse. Das ModiV in allgemeiner und kunstbezogener Beratung, Psychotherapie und Pädagogik. Wiesbaden: Springer. (Die Forschungsarbeit wurde ausgezeichnet mit dem Wissenschaftspreis der Dr. Bertold Moos Stiftung.)

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