Der alleingeborene Zwilling

Eine entscheidende Frage bei unserer Anamneseerhebung ist immer die Frage nach der Geburt, eventuellen Komplikationen kurz vor, während oder nach der Geburt. Diese Frage reicht in ein Wissensfeld hinein, das erst in der neueren Zeit tatsächlich besser untersucht werden kann, von fragwürdigen Experimenten in utero in der Vergangenheit einmal abgesehen. So stehen wir vor dem Phänomen, dass wir zwar per Ultraschall davon ausgehen können, dass bei 8 – 10% aller frühen Schwangerschaften 2 oder mehr Embryonen in der Gebärmutter nisten, dass wir allerdings nicht wirklich sagen können, wie es dem überlebenden Zwilling damit geht, alleine geboren zu werden, andere „Mitbewohner“ zuerst zu spüren, dann nicht mehr. Wie fühlt ein Embryo/Fötus, ab wann, wie nimmt er andere Embryonen/Föten wahr, wie wirkt sich deren Tod auf ihn in Folge aus?

Alleingeborene_erzaehlenAlfred und Bettina Austermann haben sich mit diesen Fragen intensiv beschäftigt und sehen in manchen Ausprägungen von Störungsbildern aufgrund ihrer langjährigen Therapeutentätigkeit, in ihren systemischen Aufstellungsarbeiten und ihren Nachforschungen die Ursache in dem verlorenen Zwilling. Der Tod dieses in der Gebärmutter Mitlebenden wird als massiver Schock von ihnen gedeutet, der von dem Überlebenden nicht begriffen werden kann, nicht verarbeitet wird. Als Folgen sehen die beiden Therapeuten neben körperlichen Auswirkungen wie Hörschwierigkeiten vor allem bei dem Ohr, das dem anderen  am nächsten ist, Sehschwierigkeiten, Verwachsungen der Wirbelsäule, Dermoidzysten und Theratome (in denen sich Gewebeteile der verstorbenen Föten befinden können), sogar Gehirntumore als verzweifelter Ausdruck  der Liebe zu dem anderen oder Verwachsungen an den Geschlechtsorganen. Die Zusammenhänge zwischen Symptom und in utero verstorbenen Geschwistern fanden die Therapeuten in ihren zahlreichen Aufstellungen heraus. Als weitere psychosomatische  Auswirkungen benennen sie Schwindelanfälle, Enge in der Brust bzw. Herzschmerzen, Panikattacken, Todesangst, Schüttelfrost, Zitterkrämpfe und Herzrasen, für die es keine naheliegenden Erklärungen gibt, die aus der Körpererinnerung entstehen. Denn all diese in der Diagnostik unter Angstsymptomen laufenden Ereignisse signalisieren den Schockzustand, den wohl ein Fötus/Embryo erleben muss, wenn er spürt und hört, wie der andere in nächster Nähe stirbt, das Herz zu schlagen aufhört, die Bewegungen aufhören, das weiche Lebendige zu einem harten Klumpen wird. Diesem Erleben ist der Überlebende hilflos ausgeliefert. Auch Hauterkrankungen und Koliken können ihren Ursprung in diesem frühen traumatischen Erleben haben. Häufig haben alleingeborene Zwillinge Schuldgefühle (überlebt zu haben, dem anderen die Kraft geraubt zu haben), Einsamkeitsgefühle, ein starkes zu nahes Bedürfnis nach Beziehung  (Eifersucht) und körperliche Nähe (Hauthunger), Kraftlosigkeit, chronische Müdigkeit, Verfolgungsgefühle, Angst vor Berührungen, Träume vom Mörder und seinem Opfer, Neigung zu schweren Fehlschlägen und Misserfolgen im Beruf, Schwierigkeiten Kinder zu bekommen, Todessehnsucht (hohe Risikobereitschaft) nach dem verlorenen Zwilling. Natürlich gibt es für diese dysfunktionalen Verhaltensmuster auch andere Erklärungsmodelle aus kritischen life – events. Aber fehlen diese – was im klinischen Setting gar nicht allzu selten ist – eröffnen körperbezogene Verfahren, v.a. Therapien im Wasser, hypnotherapeutische Verfahren oder eben Systemaufstellungen zusammen mit biographischen Explorationen eine Hypothesenbildung in die pränatale Richtung. Wie erhellend Erkenntnisse sein können, wie erleichternd plausible Modelle über den Verlust eines oder mehrerer Geschwisterkinder im Mutterleib sein können, dazu geben Alfred Austermann und Bettina Austermann in ihrem Buch „Das Drama im Mutterleib. Der verlorene Zwilling“, Berlin 2006, Königsweg Verlag viele persönliche Schilderungen Betroffener.

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