Die Kybernetik in der Medizin und Psychologie

 

Begrüßung zum Freudenstädter Kongresses 04.-06.10.2012

Die Medizin unterlag in den letzten Jahren zunehmend Einflüssen verschiedenster Richtungen. Besonders auf sie eingewirkt haben hierbei die Kybernetik und Systemtheorie, die Neurobiologie, Evolutionsbiologie, Soziologie und die synergetische Physik. Gleichrangig für die Kybernetik steht der aus ihr hervorgegangene Konstruktivismus. Von ihm wurden auch die Philosophie und Psychologie in hohem Maße beeinflusst. Die kybernetische Medizin stellt die Selbstorganisation in den Mittelpunkt diagnostischen und therapeutischen Denkens und Handelns. Dieses Vorgehen soll die folgende Geschichte von Velma Wallis [* 1960], einer US-amerikanischen Schriftstellerin vom Indianerstamm der Gwich’in, symbolisieren: „Während eines bitterkalten Winters kommt es zu einer gefährlichen Hungersnot in einem Nomadenstamm im hohen Norden von Alaska. Wie es das Stammesgesetz vorschreibt, beschließt der Häuptling, die beiden ältesten Frauen als unnütze Esser zurückzulassen, um den Stamm zu retten. Doch die beiden alten Indianerfrauen geben nicht auf. Sie besinnen sich auf ihre uralten Fähigkeiten, die sie längst vergessen geglaubt haben und überleben“. Velma Wallis [1994] beschreibt in einer überlieferten Legende ihres Volkes mit dem Titel „Zwei alte Frauen“ sehr natürlich und lebensnah, was Selbstorganisation vermag, wenn Menschen überleben wollen. Dies will sicher jeder Mensch auf seine Weise. Er will es aber noch eher, wenn er in einer selbstorganisatorisch geprägten Behandlung erfährt, zu was er fähig ist.

Kurzfassung der Theorie

Die kybernetische Betrachtung der Medizin – ganzheitlich „Psycho-Somatik“ genannt – ermöglicht eine interaktive und prozessorientierte Diagnostik und Behandlungsform zirkulärer, d. h. regelkreisbedingter Erkrankungen. Natürliche psychogene und somatische Interaktionen erfolgen aus kybernetischer Sicht durch Information, Interaktion, Rückkoppelung und Selbststeuerung. In Analogie dazu erfolgt auch, gewollt oder ungewollt, bei jeder medizinischen Behandlung eine zirkuläre Intervention in das bewusste und das unbewusste Erleben eines Menschen, ebenso in seine somatischen  Prozesse und sein soziales Verhalten. Ziel einer kybernetisch geprägten Medizin ist deshalb nicht nur eine zirkuläre Diagnostik oder Behandlung. Neben dieser sollte auch eine Betrachtung und Aktivierung der Selbstorganisation von Psyche und Soma in ökologischer Hinsicht erfolgen. Diagnostisch ist dies durch eine umwelt-, familien- und sozialmedizinische Betrachtung möglich. Therapeutisch gelingt dies durch gesteuerte psychotherapeutische oder somatische Impulse und entsprechende zirkulär wirksame therapeutische Interventionen. In kognitiv assoziativer Hinsicht gelingt dies durch Aktivierung von Erinnerung und stabiler psychogener Konstrukte (neue Sichtweisen, Relativierung der Erinnerung etc.). In somatischer Hinsicht ist dies z. B. durch ökologische Impulse möglich. [z. B. durch Meer oder Gebirge bedingtes Reizklima].

Fazit: Kybernetisch geprägte Behandlungen ermöglichen (und fördern) synergetische Heilungsprozesse in psycho-somatischer wie somato-psychischer Hinsicht.

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