Die „Lebenslinie“: eine Visualisierungstechnik

Die „Lebenslinie“: Visualisierungstechnik für die therapeutische Praxis

Eine Evaluation auf der Basis einer qualitativen Untersuchung mit chronischen Schmerzpatienten (2014)

Zusammenfassung:
Die „Lebenslinie“ wird vorgestellt und über ihren kunsttherapeutischen Ursprungskontext für die allgemeine psychotherapeutische Praxis empfohlen. Der Artikel richtet sich schulenübergreifend an Psychotherapeuten in Praxis und Ausbildung. Basierend auf einer qualitativen Forschungsarbeit, die sich mit der Herstellung von Kohärenz und Kontinuität bei chronischen Schmerzpatienten befasste, werden Optimierungsmöglichkeiten eines wechselseitigen Zusammenspiels sprachlicher und zeichnerischer Lebenssymbolisation im Hinblick auf subjektiven Erkenntniszuwachs diskutiert. Exemplarisch werden zwei Lebenslinien unter gestalttheoretischer Perspektive vorgestellt. Eine optimale Anwendung soll durch ein theoretisches Modell erleichtert werden, das zwischen einer Verwendungsweise als Abbild oder Symbol einschließlich der praktischen Konsequenzen unterscheidet. Der Artikel schließt mit Erfahrungen im Umgang mit der Lebenslinie aus der Praxis des Autors in der Sigma-Tagesklinik. Es werden konkrete Anwendungsmöglichkeiten im Rahmen einer biografischen Anamnese angeregt.

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1.     „Wie würde Ihr Leben als Linie aussehen?“

Diese Frage richtete sich an chronische Schmerzpatienten einer Reha-Klinik, die vor dem Hintergrund ihrer Erkrankung schwere biografische Brüche erlitten hatten. Es interessierte, wie die Teilnehmer diese Brüche grafisch darstellen würden und unter welchen Bedingungen sie selbst durch diese Aufgabenstellung zu neuen Sichtweisen angeregt würden. Es interessierte weiter das Verhältnis zwischen sprachlichem und bildhaftem Ausdruck. Wäre es möglich, zwischen diesen beiden Ausdrucksformen ein konstruktives Wechselspiel anzuregen und auf diesem Wege neue Erkenntnisse zu schaffen? Sollte dies bereits mit einer derartig einfachen und ökonomischen Anwendungsform wie der Lebenslinie zum Erfolg fuhren, wäre damit auch über die kunsttherapeutische Praxis hinaus eine attraktive therapeutische Technik gewonnen. Bei der „Lebenslinie“ handelt es sich um eine Visualisierungstechnik, die in Forschung, Therapie, Beratung und Supervision in verschiedenen Spielarten zum Einsatz kommt. In der quantitativen Forschung diente sie als Technik, die subjektive Lebensbewertung zu quantifizieren und der statistischen Auswertung zu erschließen [Back & Bourque, 1970, 1977, 1985; Fidler, Dawson & Gallant, 1992; Takkinen & Ruoppila, 2001]. In der qualitativen und insbesondere der narrativen Forschung bietet die Lebenslinie die Möglichkeit, das Interviewmaterial von den Untersuchungsteilnehmern selbst strukturieren zu lassen und so einem vergleichenden Blick zu eröffnen [Gergen, 1988; Schroots, 1996]. In der Beratung hat sich die Lebenslinie innerhalb des Qualitative Assessment bewährt, dessen Kriterien sie in besonderer Weise erfüllt [Goldman, 1992; Okocha, 1998].

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