Gesundheitsmanagement 4.0

Die Arbeitswelt im Wandel

Der jährliche Tag der Arbeit am 1. Mai ist ein traditioneller Anlass, sich mit den Bedingungen der Arbeit auseinanderzusetzen. Dazu gehört die Gesundheit der Arbeitenden. Wichtige Bestimmungen zur Arbeitssicherheit und Unfallprävention sowie zu verträglichen Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen sind in fast allen Bereichen umfassend geregelt; darüber hinaus engagieren sich viele Unternehmen seit einigen Jahren aktiv in einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement, um körperlichen Ausgleich, Mitarbeitermotivation und Leistungsfähigkeit zu fördern. Mit den raschen Veränderungen der Arbeitswelt etwa infolge von Digitalisierung, Automatisierung und Globalisierung verdient am Tag der Arbeit zunehmend die psychische Gesundheit Aufmerksamkeit.

Nach Krankenkassenberichten geht allein in Deutschland jedes Jahr die Produktivität von 60 Millionen Fehltagen (dies entspricht etwa 300.000 Arbeitnehmer-Jahren) allein aufgrund von psychischen Störungen verloren. 42 Prozent aller Frühverrentungen gehen auf psychische Ursachen zurück. Zugleich steigt die Anzahl an behandlungsbedürftigen Depressionen und Burnout-Syndromen seit Jahren an. Vielfach geben Patienten dabei an, unter Dauerstress zu leiden, mit den gesellschaftlichen Anforderungen und Belastungen der heutigen Arbeitsbedingungen und des zeitgemäßen Lifestyle nicht mehr mithalten zu können. Der Tag der Arbeit hat also auch viel mit krankmachendem Stress und psychischer Gesundheit zu tun.

Die neue Arbeitswelt, gerne mit dem Modebegriff aus der Automatisierung „4.0“ ergänzt, bringt mit zahlreichen technischen und gesellschaftlichen Innovationen viele Veränderungen. Technisierung und Automatisierung sowie die Vielzahl von Medienangeboten mögen praktisch, effizient und schick sein, sie haben aber auch Nebenwirkungen für die Kommunikation, das Sozialleben und die Gesundheit. Vieles kommt glänzend daher, wird als Fortschritt gepriesen und doch steigt die Zahl der Menschen, die bei der Fülle der Entwicklungen nicht mehr mithalten können und darunter leiden bzw. Krankheiten entwickeln.

Gründe für die erreichte dramatische Entwicklungsstärke sind in allgemeinen Trends zu erkennen, die in immer rascherer Folge die Bedingungen des Arbeitslebens verändern und als Begleiterscheinung Menschen in Stress versetzen. Hierfür kommen zahlreiche sich gegenseitig verstärkende Entwicklungen und Stressfaktoren zusammen, die zu einer tiefgreifenden Veränderung vieler Lebens- und Arbeitsbedingungen führen. Von Louis Pasteur ist das Zitat überliefert: „Von Veränderungen profitiert nur der, der auf sie vorbereitet ist.“ Insofern kann technischer und gesellschaftlicher Fortschritt nicht nur affirmativ gesehen werden, sondern es müssen auch die Risiken betrachtet werden. Folgende Thesen wollen Anlass zum Reflektieren geben und spitzen Trendentwicklungen auf ihre Stresseinflüsse zu:

1.   Stress aus übergreifendem Paradigmenwechsel:

  • Gesellschaftliche und technologische Entwicklungen mit revolutionierenden Wirkungen kommen in immer kürzerer Frequenz. Die geforderte Flexibilität für ständiges Mithalten verursacht Stress.
  • Globale Zusammenhänge sowie digitale Vernetzungen und Automatisierungen werden immer komplexer, undurchschaubarer und entmenschlichter. Überblick und Verständnis schwinden in breiten Schichten und der Wunsch nach einfachen Welterklärungen steigt.
  • Politische und administrative Vorgaben engen selbständige Handlungsmöglichkeiten ein. Das Individuum wird immer mehr Teil der Masse.
  • Globalisierung und die Erosion der staatlichen Alterssicherungssysteme begründen Ängste von dem Verlust an Sicherheiten und Daseins-Gewissheiten.
  • Der Wegfall vieler Berufsfelder und prekäre Arbeitsbedingungen entziehen Menschen die wirtschaftliche Basis ihrer Ausbildung. Lebenslanger Lerndruck und Erwerbsbiographien mit mehreren Berufen sind unabdingbare Belastungen.
  • Die Ungleichbehandlung von Zeitarbeit versus fester Anstellung oder systemische Ungerechtigkeiten zwischen Beamten- und Angestellten- oder Arbeiterstatus, zwischen sicher und unsicher oder unterschiedlichen Bewertungen, spalten solidarische Entwicklungen.

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