Gesundheitsmanagement 4.0

Gesellschaftliche Entwicklungen und Trends sind meist gekennzeichnet durch ihre überwältigende Wirkung in der Veränderung von generellen Rahmenbedingungen für Gesellschaft und Wirtschaft. Für den Einzelnen bedeutet das, dass es beinahe unmöglich ist, diese Trends abzuwenden oder gesellschaftliche Entwicklungen ganz zu umgehen. Für den Einzelnen gibt es nur die Möglichkeit, sich mit seinem bescheidenen Gestaltungsspielraum damit zu arrangieren, einzelne Bereiche zu bewerten und individuell in der Lebensplanung zu gewichten. Jeder einzelne der genannten Entwicklungs- oder Stress-Faktoren für sich betrachtet erscheint subjektiv in gewissem Rahmen kontrollierbar – dies zeigen politische Diskussionen, die sich an der Gestaltung dieser Rahmenbedingungen immer wieder abarbeiten. Das Novum in der neuen „Arbeitswelt 4.0“ ist jedoch die Vielzahl der auf das einzelne Individuum einströmenden Faktoren, die Veränderungsdruck enorm verstärkt.

 

Work Life Balance als strategische Herausforderung. Grafik nach Hollmann: Führungskompetenz für Leitende Ärzte: Motivation, Teamführung, Konfliktmanagement im Krankenhaus [2]

Zu allen chronischen Belastungen kommen oftmals aktuelle Lebensereignisse am Arbeitsplatz oder im Privatleben. Je nach persönlicher psycho-sozialer Situation und je nach dem individuellen Zusammenkommen von verschiedenen dieser Faktoren ergibt sich das individuelle Risiko, irgendwann nicht mehr genügend Resilienz aufbieten zu können. Für Betroffene entwickelt sich zunehmend Kontrollverlust, Werteverlust und Sinnverlust in den Perspektiven der Lebensplanung. Wer subjektiv keine hoffnungsvollen Zukunftsperspektiven mehr entwickeln kann, ist den Anforderungen nicht mehr gewachsen (Job strain-Modell [1]) – er wird stresskrank und brennt aus. Zwangsläufig entstehen Störungen auf verschiedenen Ebenen wie z.B.

  • Psychisch z.B. erhöhte Reizbarkeit, Angst, Depression,
  • Psychosomatisch z.B. Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Rückenbeschwerden, Tinnitus, gastrointestinale Symptome,
  • Körperlich z.B. Stoffwechselkrankheiten, Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems, Bluthochdruck, Angina Pectoris,
  • Risikoverhalten etwa beim Autofahren oder Hasard in beruflichen Entscheidungen,
  • Impulskontrollstörungen z.B. beim Rauchen, Alkohol oder in Form von Internetsucht, Spielsucht, Arbeitssucht.

Seit Jahren steigt die Inzidenz der psychischen Erkrankungen. Ärzte und Psychotherapeuten, psychiatrische und psychosomatische Kliniken sowie verschiedenste öffentliche und private Beratungsstellen verzeichnen einen steigenden Andrang. Klar erkennbar ist auch, dass nicht mehr allein die technische Innovation der Treiber für Produktivitätssprünge ist, sondern – wie zu sehen war – sogar erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringt. In der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr Verarbeitung und Logistik, sondern die Vernetzung von Informationen der Engpass für Produktivität ist, hat die psychosoziale Gesundheit der Mitarbeiter, die die Dienstleistungen erbringen und die Wissensvernetzung leben müssen, enorm an Bedeutung gewonnen. Von der Qualität hierbei hängt auch der Unternehmenserfolg ab, denn Krankheit von Mitarbeitern ist ein Kostenfaktor, während deren Gesundheit und Motivation die Produktivität steigern. Studien zeigen: die Qualität der psychosozialen Gesundheit und der Mitarbeiterzufriedenheit korreliert mit der Qualität der Wissensvernetzung und innerbetrieblichen Kooperation. Psychische Belastungsfaktoren sind dabei stets die höchste Hypothek.

Auch wenn die gesellschaftliche Akzeptanz steigt, eine psychische Erkrankung ebenso wie eine somatische Erkrankung zu betrachten, ist das Eingeständnis einer psychischen Störung vielfach noch immer angstbesetzt, weil soziale Ausgrenzung befürchtet wird.

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