Gesundheitsmanagement 4.0

Hilflos ist man den ganzen Entwicklungen aber nicht ausgeliefert: Unternehmen haben mit einem proaktiven Betrieblichen Gesundheitsmanagement ebenso Gestaltungsmöglichkeiten, wie der Einzelne durch eine bewusste Lebensplanung – und schließlich gibt es professionelle Prävention und Diagnostik sowie Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten

1. Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM):

Generell gilt, dass ein Betriebliches Gesundheitsmanagement, wenn es wirken soll, systematisch betrieben werden muss: theoretische Managementseminare alleine genügen dafür ebenso wenig wie einzelne unkoordinierte Angebote. BGM-Lösungen müssen alltagstauglich und so in die Unternehmenskultur und betriebliche Organisation integriert werden, dass sie praktikabel für die Mitarbeiter sind. Meist gibt es weniger ein Erkenntnisdefizit als ein Umsetzungsproblem. Für die Prävention und Vorgehensweise bei auftretenden psychischen Störungen sind Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für die stressauslösenden Faktoren und Gefährdungen der psychosozialen Gesundheit unerlässlich. Personalabteilungen und Geschäftsführungen müssen sich hierbei in der Führung auf veränderte Erwartungshaltungen an sie und neue Handlungsweisen einstellen. Achtsame Kommunikation und fördernde Unternehmenskultur sowie Elastizität in der Berücksichtigung individueller Kreativräume bei der Arbeit gewinnen an Bedeutung.

Für die proaktive Verbesserung der Situation der „psychischen Gesundheit“ gehört an erster Stelle die Enttabuisierung, damit offen über Probleme und Krankheitsauslöser gesprochen werden kann, um Verbesserungen im Unternehmen zu ermöglichen. Dies ist nur durch eine offene Unternehmenskultur mit vertrauensbildenden Maßnahmen und einer Institutionalisierung der Förderung von psychosozialen Gesundheitsfaktoren möglich.

Weitere Maßnahmen sind Bratungsstellen zur psychischen Gesundheit, die in Zusammenarbeit mit einer außerbetrieblichen neutralen Stelle auch ein anonymes Angebot auch für Kriseninterventionen zur Verfügung stellen. BGM kann entscheidend dazu beitragen, dass Work-Life-Balance in ihrem Unternehmen keine bloße Formel ist: Ressourcen der Mitarbeiter und des Unternehmens können mit einer wertschätzenden Unternehmenskultur aktiviert werden, Stressfaktoren werden durch eine achtsame Führungskultur reduziert.

Die systematische Berücksichtigung der psychischen Gesundheit der Mitarbeiter ist für Unternehmen von strategischer Bedeutung im Sinne von Verbesserung der Unternehmens- und Führungskultur, employer branding und Erhöhung der Produktivität, Kreativität sowie zu Verringerung von Ausfall- und Krankentagen.

2. Arbeitnehmer und Manager:

Für Arbeitnehmer und Manager aller Verantwortungsstufen, die dazu neigen, die Problematik bei sich selbst abzutun und Symptome zu ignorieren, ist das Bewusstsein dafür wichtig, dass psychische Störungen sich akut oder schleichend bemerkbar machen können. Insofern besteht bei psychischen Störungen kein Unterschied zu vielen Erkrankungen des Körpers.

Auch für den Einzelnen ist zunächst die Entwicklung eines grundsätzlichen Problembewusstseins entscheidend: die Kenntnis von unausweichlichen und überflüssigen Stresssituationen sowie die Selbstkompetenz für deren Priorisierung und für die bewusste Planung einer Work-Life-Balance, in der Stressbewältigungsstrategien wie Regenerationsmöglichkeiten und realem sozialem Rückhalt Raum gegeben wird.

Wenn diese präventiven Maßnahmen ausgeschöpft sind und sich doch Beschwerden einstellen, ist es bei allen psychischen Störungen und Erkrankungen umso besser, je früher man diese erkennt und behandelt. Dazu muss man sich Zeit für die Seele nehmen und die Probleme offen im vertrauensvollen Dialog angehen. Bei einer Früherkennung der Gefahr psychischer Störungen steigen die Handlungsmöglichkeiten zur Prävention, zur Veränderung von krankmachenden Faktoren bzw. die Heilungsprognose.

3. Medizinisch-psychologische Behandlung:

In der Früherkennung mit professioneller medizinisch-psychologischer Kompetenz ist eine umfassende Aufnahme der bio-psycho-sozialen Situation sinnvoll, weil die psychische Gesundheit erheblich von einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen und seines Umfeldes abhängt. Hierbei werden neben körperlichen Untersuchungen, psychologische Tests und soziale Umfeldanalysen zur Arbeitssituation und zur persönlichen Lebenssituation in Freizeit und familiärem und weiterem sozialem Umfeld erhoben. Seelische Störungen sind in der Regel multifaktoriell. Weil sie meist nicht eindimensional in der Ursache sind, werden sie nicht selten „verschleppt und Betroffene leiden dann still über lange Zeiträume. Das Umfeld der Betroffenen ahnt die Probleme vielfach schon früher, ohne jedoch zu verstehen: es leidet mit oder grenzt sich ab, was zur weiteren sozialen Isolierung des Betroffenen führen kann. Leider kommt es dann teilweise erst, wenn die Probleme sich unübersehbar häufen, zur Konsultation von ärztlicher oder psychologischer Hilfe.

Mit umfassender Diagnostik und vertrauensvollen Beratungen von zuverlässiger fachlicher Seite sollten konsequent die Weichen gestellt werden, um die Prognose so günstig wie möglich zu beeinflussen. Weitere Schwierigkeiten im Alltag und Beruf können dann gemindert oder der „Knick im Lebenslauf“ abgewendet werden. Die Früherkennung eines seelischen Problems verbessert die Lebensqualität, bringt Leistungsfähigkeit zurück und steigert die Resilienz gegen Stressfaktoren.

Literatur:
1. Job strain-Modell: Karasek RA, Theorell T. „Healthy work: stress, productivity and the reconstruction of working life“. New York, Basic Books, 1990.
2. Work-Life-Balance: Hollmann J, Daniels K „Führungskompetenz für Leitende Ärzte: Motivation, Teamführung, Konfliktmanagement im Krankenhaus (Erfolgskonzepte Praxis- & Krankenhaus-Management)“, Heidelberg, Springer, 2010.

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