Klassiker der Psychosomatik, neu gelesen

Ressourcenaspekt im Werk von Fritz Riemann „Grundformen der Angst“

„Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben… Sie tritt immer dann auf, wenn wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Sie ist einmal Signal und Warnung bei Gefahren und sie enthält gleichzeitig einen Aufforderungscharakter, nämlich den Antrieb, die Angst zu überwinden. So liegt in jeder Angstsituation immer zugleich eine Bedrohung, aber auch eine Chance. Die Chance, einen neuen Entwicklungsschritt zu wagen, indem wir die durch die Angst gesetzte Grenze überschreiten und damit in unserer Weltbewältigung einen neuen Schritt vollziehen.“

Fritz Riemann, Grundformen der Angst.

___________________________________________________________________________________

Wer kennt nicht die Angst vor zu enger Bindung oder die Angst vor dem Verlassenwerden? Warum fühlen sich manche Menschen nur wohl, wenn alles ganz genau geregelt ist – anderen wiederum schnürt das die Luft ab?
In den 1950er-Jahren versuchte der Psychoanalytiker Fritz Riemann, diese Zusammenhänge zu ergründen. In München baute er das „Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie“ auf, das bis heute existiert. Seine Gedanken und seine Patientenerfahrungen sammelte Riemann in dem  Buch „Grundformen der Angst“,  das – bei einer Auflage von ca. 1 Million – auch 50 Jahre nach seinem Erscheinen als Grundlektüre in jeder Psychologen- und Psychotherapieausbildung empfohlen wird.

Nach Riemann unterliegt menschliches Leben und dessen Gestaltung vier Grundforderungen, die einander als polare Gegensätze zugeordnet sind und sich so gleichzeitig ergänzen: Wir sollen ein einmaliges Individuum werden, unser Eigensein bejahen und uns gegen anderes Eigensein abgrenzen. Auf der anderen Seite sollen wir uns der Welt, dem Leben und den anderen Menschen vertrauend öffnen und uns auf sie einlassen. Wir sollen Dauer anstreben, Pläne machen, diese nachhaltig und zielstrebig verwirklichen. Andererseits sollen wir uns wandeln, Veränderungen und Entwicklungen durchmachen, Vertrautes und Gewohntes aufgeben.
Das kann nun, je nach Persönlichkeit mit mehr oder weniger Ängsten verbunden sein. Diese hat Riemann in den vier Grundformen folgendermaßen beschrieben:

  • Die Angst vor der Selbstwerdung, als Ichverlust und Abhängigkeit erlebt (die depressiven Persönlichkeiten).
  • Die Angst vor der Selbsthingabe, als Ungeborgenheit und Isolierung erlebt (die schizoiden Persönlichkeiten).
  • Die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt (die zwanghaften Persönlichkeiten).
  • Die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt (die hysterischen Persönlichkeiten).

Die Angst in den beschriebenen Grundformen hat nach Riemann eine wichtige Bedeutung. Sie ist kein „möglichst zu vermeidendes Übel, sondern ein nicht wegzudenkender Faktor unserer Entwicklung“. Im Annehmen der Angst und im Versuch, sie zu überwinden, wachse uns ein neues Können zu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.