Psychoanalyse im Film: Fellinis Achteinhalb

Musik starten : Musikalisches Thema für 8 1/2  (Otto e Mezzo )

Vortrag im Rahmen des Psychotherapieseminars Freudenstadt 2014: Der berühmte Fellini-Film gibt eine paradigmatische Dramatisierung  das Seminarthemas „Die Lüge der Wahrheit ist die Wahrheit der Lüge“

Selten sind im kurzen Zeitraum eines Films so viele Personen lebendig geworden, wie in Fellinis Achteinhalb. Da gibt es eine Geliebte (Sandra Milo), die den Mann auch dann noch verführen kann, wenn er sie eigentlich nicht will, eine Idealschöne (Claudia Cardinale), die spürt, dass ihr Gegenüber (Marcello Mastroianni) in einer schöpferischen Krise steckt und eine geheimnisvolle Unbekannte (Catarina Borrato), die alles verzeiht. Aber auch die ungezählten Nebenpersonen in ihren hundert verschiedenen Rollen werden bei Federico Fellini zu Menschen, die man, allein schon durch die Art wie sie einen anschauen, kaum vergessen kann. Psychoanalytisch gesehen gelingt das dem Autor durch drei Mittel: er erzählt nur von eigenen, inneren Objekten, er verdichtet das Geschehen auf die schöpferische Krise eines Filmemachers und er lässt sich, nach Art des Hofnarren in James Thurbers „Geschichte von der Prinzessin, dem Narren und dem Mond“ alles von den in seinem dynamischen Unbewussten verankerten Gestalten selbst erzählen. Er schaut als optisch orientierter Mensch nur genau hin, wie sie sich inszenieren. Mit welchen Blicken, welchen Bewegungen und welchen Burlesken sie ihr Leben gestalten. Achteinhalb ist ein Autorenfilm reinsten Wassers. Fellini erfindet sozusagen seinen Film im Grunde nicht, sondern setzt nur die Einfälle seines unbewussten Denkens in Bilder und Sprache um.
Dadurch entsteht ein Geschehen das einen so lange verwirrten muss, solange man beim Zuschauen sich noch nicht im Wesentlichen, d.h. im Bereich des eigenen, wahren Selbst auf die Interpretationen seines individuellen, dynamischen Unbewussten zu verlassen begonnen hat. Lässt man sich aber vom dort verwurzelten, eigenen schöpferischen Prozess helfen, ergeben die scheinbar beliebig aneinander gereihten Episoden plötzlich einen Sinn. Das ist, wie die Diskussion nach dem Film gezeigt hat bei jedem, zumindest in Nuancen, ein anderer. Aber alle begreifen, jeder auf seine Weise, dass Fellini dem Zuschauenden in Achteinhalb sein Verhältnis zu Frauen zu schildern versucht. Und wenn man bedenkt, dass im Niederländischen der Schilderer der Maler ist, der uns anhand seiner scheinbar nur realistischen Bilder sein eigenes innerstes Wesen zeigt, stehen wir in einer noch engeren Verbindung zu Fellini und zu der Tatsache, dass es in der Blütezeit der niederländischen Malerei eine sehr enge Wechselwirkung mit der italienischen Malerei gegeben hat, eine Tatsache, die auch in Fellinis Film sichtbar wird. Und da diese Verbindung mehr strukturell war, den die Farben der alten Niederländer und Italiener waren immer verschieden, begreift man warum Fellini Achteinhalb bewusst noch einmal in Schwarz-Weiß gedreht hat. Dabei zeigt sich bei vielen Menschen, dass sie trotz dieser Machart den Film in Farbe erinnern, in ihren eigenen individuellen Farben.

Wie die Diskussion mit den Teilnehmern des Freudenstädter Psychotherapieseminars zeigt, also mit Menschen, denen das Wesen des dynamischen Unbewussten Freuds vertraut ist, stellen sich dabei einige Eckpunkte heraus, die mehr oder weniger am Ende dann doch von den meisten recht ähnlich gesehen werden. Gemeint ist damit die Beziehung von Fellinis filmischem Alter Ego zu seiner Mutter (Guiditta Rissone), die ihm während des ganzen Films nie nahe zu kommen scheint. Es gelingt dem Marcello Mastroianni des Films erst dann mit seiner Mutter Frieden zu finden, als er sie nicht mehr nur isoliert, sondern auch im Zusammenhang mit allen Frauen seines Lebens zu verstehen beginnt. Plötzlich sind sie für Fellini nicht mehr länger bloße Geschöpfe, die sozusagen nur auf Erden wandeln, um seine geträumten Wünsche zu erfüllen. Sondern im Laufe des Films vermag er sie als ebenbürtige Gegenüber erleben. Eine seiner Gestalten spricht das am Ende auch sinngemäß aus: Du hast uns alle herbeizitiert, weil du ohne uns nicht wirklich leben kannst. Der Film zeigt, dass Fellini im allmählichen Anerkennen der eigenen und der Unvollkommenheiten des Gegenübers sich selbst und seine inneren Objekte immer mehr zu verstehen begonnen hat. Und da ist aus der Reflexion seines unbewussten Prozesses, ein handwerklich meisterhaft in Bilder, Blicke und Sprache umgesetzter Film geworden, der als individuelles Beispiel für die innere Objektwelt eines jeden von uns gelten kann. Diese Tatsache macht den Film in gewisser Weise zeitlos. Wenn man über den Film nachdenkt, versteht man sich selbst besser, gleichgültig ob man anatomisch als Mann, Frau oder als etwas Drittes geboren wurde.

Wie ein ‚coup de foudre‘ durchzuckt einen plötzlich die Erkenntnis, dass die manifeste Erzählung über einen konkret gescheiterten Film in Wirklichkeit eine meisterhafte Inszenierung dessen ist, was das Wesen guter Filme ausmacht. Dass jeder, unabhängig von seinem Geschlecht, im Film die Rolle bekommt, die einer Figur im Inneren des Regisseurs entspricht. Auf diese Weise bekommen in seinem fiktiv versäumten, konkret aber dann doch gedrehten Film die ihm einfallenden Menschen seines Lebens eine Rolle. Und sie bekommen sie – in seinem und seines Zuschauers Erleben – immer mehr durch sein Zulassen verschiedener Aspekte seiner, von seinem individuellen Unbewussten erdachten inneren Mutter. Dazu gehören etwa die oben schon genannten Frauengestalten, aber auch die der italienischen Hotelangestellten, die die Garderobe der Geliebten des Regisseurs mit Begeisterung erfüllt. Dazu kommen bei Achteinhalb aber auch jene ungezählten Geschöpfe, die diesen Film erst zu einem großen Film machen. Die Betrachtung der Männer des Films bedarf eines eigenen Essays. Beim Blick auf die Frauen des Films denke man etwa an die Tänzerin (Madeleine Lebau), die sich gegen ihr Altern wehrt, die Betreuerinnen seiner Kinderzeit in der große Badeszene des Films und last not least seine Frau (Anouk Aimée), die im Film am schönsten in der Wiederholung dieser Szene im Erwachsenenalter agiert. Mit einem Mal offenbart es sich einem, dass der ganze Film eigentlich ein Weg zu ihr ist. Erst mit der Zeit begreift Fellinis alter Ego Marcello Mastroianni, was er durch sie gewonnen hat: seine Beziehungsfähigkeit, eine Möglichkeit, die zu begreifen ihm im Film in seiner Wechselwirkung mit seiner Mutter niemals hatte gelingen wollen, weil die Mutter des Films, anders als später die Ehefrau, niemals wirklich sie selbst sein konnte.

Hier wird ein Problem der Kultur angesprochen. Wir brauchen sie, wie es schon in der Einladung des Psychotherapieseminars über Konstruktionen geschrieben wurde, aber sie ist auch eine Gefahr. Der Film wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gedreht. Damals zeigte sich – noch vor der Studentenrevolte – dass eine Kultur versteinern und untergehen muss, wenn durch starre, im Film beispielsweise religiöse Normen, immer mehr Personen daran gehindert werden, einen Zugang zu ihrem wahren Selbst zu bekommen. Das erste Filmseminar dieser Tagung hat ausführlich die Probleme zu beleuchten versucht, die sich aus einem zu großen „Abwehrselbst“, in Winnicotts Sprache also einem falschen Selbst ergeben. Es ist das Stück Gewaltfreiheit in Fellinis Achteinhalb, das diesen Film so flüssig und unterhaltsam macht, selbst wenn man ihn beim ersten oder zweiten Anschauen noch nicht verstehen kann, sodass er einem irrtümlich zunächst als eine sinnlose Abfolge von schönen Episoden erscheinen kann. Man kann solche Kritiken im Internet nachlesen. Aber urteilen sie selbst!

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