Verhaltensanalyse

Fortbildung der Σ Sigma-Tagesklinik

1.Einleitung

In der verhaltenstherapeutischen Diagnostik geht der Behandler davon aus, dass das Verhalten des Patienten zum einen durch die in der Person liegenden Faktoren (Eigenschaften, prägende Erfahrungen, Lerngeschichte etc.), zum anderen aber auch durch situative Bedingungen (Stimuli) und vor allem die positiven oder negativen Konsequenzen des Verhaltens gesteuert wird. Es geht also darum, was eine bestimmte Person in einer aktuellen, konkreten, spezifischen Situation tut. Die Verhaltensanalyse sollte jedoch über eine oberflächliche Beschreibung hinausgehen, indem sie Zusammenhänge sichtbar macht, die zuvor nicht bewusst waren. Sie versucht im Rahmen eines individuellen Vorgehens zum Fallverständnis eines Patienten einen Beitrag zu leisten, der über die Zuweisung vorab definierter Kategorien hinausgeht. Der Begriff der „Psychopathologie“ wird dabei ersetzt durch den Begriff „Problemverhalten“. Er basiert auf den folgenden Annahmen:

  1. Problemverhalten wird genauso erlernt wie gesundes Verhalten.
  2. Problemverhalten ist veränderbar.
  3. Der Mensch verhält sich je nach Situation unterschiedlich.
  4. Problemverhalten wird sowohl durch in der Vergangenheit liegende als auch durch aktuelle Faktoren bedingt.
  5. Diese Faktoren können innerhalb und außerhalb der Person liegen.
  6. Diese Faktoren sind individuell verschieden und müssen individuell dargestellt werden.

Daraus ergeben sich die folgenden Konsequenzen:

Gegenwartsorientierung:
Die Beschäftigung mit der Genese der Störung ist nur insofern relevant, als sie hilft, Erkenntnisse zu gewinnen, die zur Bewältigung der aktuell bestehenden Probleme beitragen.

Pragmatische Orientierung:
Anspruch der Verhaltensanalyse ist nicht die allumfassende Erklärung der Störungsentwicklung, als vielmehr eine hinreichende Grundlage für aussichtsreiche therapeutische Interventionen zu bilden, die häufig an den aufrechterhaltenden Bedingungen ansetzen.

Wissenschaftliche Orientierung:
Die Verhaltensanalyse hat Modellfunktion, die erarbeiteten Zusammenhänge Hypothesenfunktion. Ziel der Therapie ist es nicht, die Hypothesen zu belegen, sondern zu differenzieren, modifizieren, ggf. auch zu widerlegen. Eine gute Therapie zeichnet sich eher dadurch aus, dass sich die Hypothesen im Verlauf wandeln und an die Realität angleichen (als umgekehrt!)

Empirische Orientierung:
Dies impliziert eine prinzipielle Überprüfbarkeit, anhand beobachtbarer Kriterien. Entsprechend liegt ein Schwerpunkt auf objektivierbaren Variablen, die der Beobachtung möglichst zugänglich sind.

Multimodale Orientierung:
Das Problemverhalten wird aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Situationen analysiert und auf Gemeinsamkeiten hin überprüft:

Mögliche Datenquellen sind:

  • Klinisches Interview
  • Verhaltensbeobachtung in verschiedenen Situationen (Teamintegration)
  • Interaktionsanalyse (Was versucht der Patient bei mir zu erreichen?)
  • Rollenspiel
  • Exposition in sensu
  • Exposition in vivo
  • Paargespräch
  • Fremdanamnese
  • Einweisergespräche
  • Selbstbeobachtung (durch den Patienten, ggfs auch als Verhaltensanalyse)
  • Tagebuch
  • Fragebogen
  • Verhaltensexperiment

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