Viel Klick in der Liebe

Von: | 17.03.2015 |

Wann ist Online-Feierabend? Wann sind Online-Ferien?  Müssen wir wirklich diese eine Mail eben noch schnell erledigen, oder reicht es, wenn wir das morgen tun? Darf ich einen Moment für mich genießen oder muss ich jedes herausragende Erlebnis gleich mal posten?

Wir sollten eine Kultur pflegen, in der wir unsere Online-Zeit und unseren Medienkonsum bewusst rhythmisieren. Also: Handy aus, Anrufbeantworter an, Computer runterfahren und den Fernseher heute mal abgeschaltet lassen. Die neue Qualitätszeit in der modernen Partnerschaft ließe sich vielleicht so formulieren: surfst du noch oder lebst du schon?

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Mehr Freiheit – mehr Kontrolle: Herausforderung an Vertrauen und Verantwortung

Ständige Erreichbarkeit erhöht die Kontrolle. So angenehm dies im Einzelfall ist, so sehr gewöhnen wir uns an diesen Zugriff auf unseren Partner. Man kann es außerdem so einrichten, dass die Partner sich gegenseitig jederzeit „tracken“ können, also wissen, wo das Handy des anderen derzeit eingeloggt ist. Das mag je nach persönlichem Standpunkt und Empfinden nützlich oder übergriffig erscheinen, eine Grenze ist spätestens dann überschritten, wenn wir die Emails, Kurznachrichten und Telefonkontakte des Partners „überprüfen“. Das Argument: „wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten“ dient ebenso der Legitimation wie das vermeintlich begründete Misstrauen gegenüber dem Partner. In Paartherapiepraxen häufen sich die Schilderungen von derartigen Übergriffen bis hin zu gehackten Accounts und Drohungen mit Online-Rache etc.

Wenn man mal von den extremen Ausformungen absieht – wer könnte dieses Misstrauen ernsthaft verübeln? Denn zeitgleich mit unseren Kontrollmöglichkeiten, erhöhen sich durch Handy und Internet auch die Möglichkeiten der emotionalen oder sexuellen Untreue.

Diese Entwicklungen fordern Partnerschaften an einem empfindlichen Punkt heraus. Es geht um das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung in der Paarbeziehung, um den Umgang mit Freiräumen und Autonomie. Es wird häufig übersehen, wie wichtig für eine gesunde Partnerschaft die Freiräume sind. Jeder Mensch braucht Raum, in dem er dem Anderen keine Rechenschaft schuldig ist, in dem er dem Anderen nicht beständig Rede und Antwort stehen muss. Die überhöhte Erwartung an die Unbedingtheit der Zuwendung in der Partnerschaft kann hier zu einer gefährlichen Verdrängung dieser Autonomiebedürfnisse führen, nicht selten ein Grund für das Entstehen von sexueller Unlust und latenter Unzufriedenheit.

In gewisser Weise eröffnen die Neuen Medien auf den ersten Blick vor allem viele neue Freiräume. Bei genauerer Betrachtung fordern jedoch gerade dieser Umstand und die zeitgleich erhöhten Zugriffsmöglichkeiten auf den Partner unser Autonomieverständnis ganz neu heraus. In einem Bild ausgedrückt könnte man es so sagen: dadurch, dass der Partner zunehmend den Vordereingang meines Hauses überwachen kann, mich erreichen kann, weiß wo ich bin und was ich tue, fühle ich mich weniger frei, unbeobachtet und ohne Arg meiner eigenen Wege zu gehen. Daher baue ich mehr und mehr Hintertürchen in mein Haus, denn dies ist dank der Neuen Medien zunehmend einfach geworden.

Wenn Freiräume zu Hintertüren werden, heißt das, dass wir eigentlich gar keinen Frei-raum nutzen, sondern einen verbotenen Raum. Der „verbotene“ Ausbau emotionaler oder sexueller Hintertüren führt dazu, dass eine konstruktive Auseinandersetzung über Autonomiebedürfnisse nicht mehr ausreichend geführt wird. Anstatt Grenzen klar zu markieren, auszuhalten und auszuhandeln, statt das Recht auf Eigenraum einzufordern und dem Anderen zuzugestehen, entstehen Heimlichkeiten. Das eigene Integritätserleben kann dabei zunehmend beschädigt werden: das zunächst harmlos erscheinende Hintertürchen wird zunehmend bedeutsam. Das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun kann zu einer fatalen Mischung aus Nervenkitzel und Schuldgefühlen führen, die das Erleben einer ebenbürtigen und verbindlichen Partnerschaft unterhöhlen. Gleichzeitig steigt das Kontrollbedürfnis auf beiden Seiten und es droht ein Klima des Misstrauens. Wenn Schuldgefühle entstehen ist es also höchste Zeit, über Freiräume zu sprechen.

So wichtig wie die Aufrechterhaltung des Vertrauens, ist auch ein Bewusstsein für die notwendige Verantwortung. Was nämlich durchaus neu ist an den digitalen Hintertürchen, ist die durch Verfügbarkeit und Anonymität herabgesetzte Schwelle.

Eine Antwort zu “Viel Klick in der Liebe”

  1. dpa-Meldung vom 19.03.2015 sagt:

    Online und allein – Wenn zu viel Internet einsam macht

    Mainz (dpa) – Manch einer verbringt mehr Zeit im Internet als mit seinen Freunden. Das als Problem zu erkennen, ist nicht leicht. Mit einem Nachtelfen lässt sich schlecht ins Kino gehen. Und ein Troll wird einen wohl kaum auf ein Eis einladen. Dennoch sind Helden wie diese aus dem Onlinespiele-Klassiker «World of Warcraft» vielen Jugendlichen so vertraut wie reale Freunde – was sie wiederum für viele Eltern zum Baustein eines Schreckensszenarios macht. Kann es sein, dass vor lauter Online-Zockerei die Freundschaft zum Nachbarsjungen zerbricht? Und die Schulnoten in den Keller sacken? Manfred Beutel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz, wollte das auch wissen. Er hat daher die gefragt, um die es geht: die Jugendlichen.

    Rund 2400 junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren haben an seiner Befragung teilgenommen. Dabei ging es nicht nur um Onlinespiele, sondern auch um viele andere Dinge, die sich im Netz abspielen – etwa die sozialen Netzwerke wie Facebook. Beutel stieß dabei auf einige echte Hardcore-Surfer. Bei rund drei Prozent der Befragten geht er von einer suchtartigen Nutzung des Internets aus – und von echten Problemen in der Welt jenseits von Pixeln und Gigabytes.

    Bei den Suchtkriterien habe er sich an der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung orientiert, sagt Beutel. «Das ist zum Beispiel der ausufernde Gebrauch: Ist man immer länger online? Kann man es eingrenzen oder ist man länger online als man vorhatte? Geht der erste Gang zum Computer? Und gibt es schädliche Folgen?» Dazu zählen etwa Streit mit den Eltern oder schlechte Schulnoten.

    Jugendliche, die häufig online zocken und auf Sexseiten unterwegs sind, haben demnach eine schlechtere Bindung zu ihren Freunden. Sie kommunizieren weniger, vertrauen ihren Freunden nicht so sehr und fühlen sich entfremdet. Bei den sozialen Netzwerken ist es etwas anders gelagert. Probleme gibt es aber auch dort.

    «Die vorwiegend soziale Nutzung des Internets – beispielsweise von Facebook – geht zunächst einher mit mehr Vertrauen und Kommunikation», sagt Beutel. «Dennoch: Bei den drei Prozent, bei denen es suchtartig ist, treten auch die negativen Wirkungen auf. Dann werden reale Kontakte vernachlässigt.»

    Laut Beutel treffen die Suchtkriterien bei Jungen und Mädchen ähnlich häufig zu – wobei Jungs eher bei den Onlinespielen, Glücksspiel und Sexseiten zu finden sind, Mädchen eher bei den sozialen Netzen. Auf die Frage, ob das Internet einsam macht oder ob es vor allem Einsame ins Internet zieht, sagt Beutel, er gehe von einem Teufelskreis aus.

    «Wir sehen beides. Wir sehen auch eine gewisse Veranlagung», sagt Veit Rößner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Dresden. Es gebe verschiedene Gründe, warum das Internet attraktiv für Jugendliche sei. Einer sei die Anonymität. «Man muss nicht die Angst haben, als Person verletzt zu werden. Eine Online-Abfuhr ist etwas anderes als wenn man wirklich zu einem Mädchen hingeht und einen Korb kriegt.»

    Klar ist, dass es neue Medien oft erst mal schwer haben in Deutschland. Selbst vor Büchern wurde in vergangenen Jahrhunderten gewarnt, das Schlagwort lautete Lesesucht. Für Rößner zieht der Vergleich zum Internet aber nicht wirklich. «Wir haben als Gesellschaft bei dieser wahnsinnig schnellen Entwicklung kaum Werkzeuge, um den Umgang damit gut unseren Kindern beizubringen. Das war bei der Erfindung des Buchdrucks anders.» Der habe sich über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte entwickelt.

    Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) betont, dass Computerspiele oft auch ein Gemeinschaftserlebnis seien. «Das gemeinsame Spielen ist seit jeher eine zentrale Komponente vieler Spiele und ist in den vergangenen Jahren durch die zunehmende Internet-Nutzung noch deutlich wichtiger geworden», sagt BIU-Geschäftsführer Maximilian Schenk. «Im Gegensatz zu anderen Medien wie dem Fernsehen stärken Computer- und Videospiele Beziehungen und Freundschaften.»

    Auch Mediziner Rößner benennt Vorteile. «Unsere Arbeitswelt verändert sich immer mehr zum schnellen Multitasking und zur Computernutzung», sagt er. Feinmotorik der Hand, Aufmerksamkeitsleistung oder räumliche Wahrnehmung – Computerspieler seien da häufig gut trainiert. «Auf der anderen Seite kann man das Soziale nur näherungsweise erlernen», sagt Rößner. «Man kann nicht online küssen.»

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