Viel Klick in der Liebe

Von: | 17.03.2015 |

Untersuchungen zeigen etwa deutlich, dass emotionales und sexuelles Chatten ein niedrigschwelliger Einstieg in die Außenbeziehung sind [2]. Kontakte werden aufgrund der exklusiven Interaktion im geschlossenen Chat und der Anonymität der Online-Kommunikation schneller intim als im realen Leben. Der Kontakt wird zudem nicht durch gemeinsames Erleben hergestellt, sondern ausschließlich über Informationsaustausch. Folglich müssen verstärkt Informationen ausgetauscht werden, die attraktiv sind. So entsteht eine Pseudonähe, die das berühmte Kribbeln im Bauch auslösen kann, das bekanntlich dazu angetan ist, aufregende, aber auch recht komplizierte Folgen nach sich zu ziehen. Dabei bedeutet „emotionales Chatten“, dass intime emotionale Themen mit dem Chatpartner ausgetauscht werden, die eigentlich den Bereich der Partnerschaft betreffen. Das wird natürlich besonders heikel, wenn in der Partnerschaft emotionale Defizite empfunden werden. Die Abnahme der unmittelbaren emotionalen Gratifikation durch die Beziehung ist jedoch ein normaler Vorgang. Besonders vulnerabel sind Beziehungen in Phasen, in denen eine deutlichere Verstärkererosion stattfindet, etwa durch die Geburt eines Kindes, berufliche Veränderungen, Krankheiten oder psychische Krisen.

Auch Pornographie und andere sexuelle Inhalte sind im Internet leichter erreichbar. Dies kann auch einen Puffer bieten, indem die Befriedigung von sexuellen Bedürfnissen möglich wird, die in der Partnerschaft offen bleiben, ohne dazu „analoge“ sexuelle Kontakte einzugehen. Anderseits ist dies natürlich eine heikle Gratwanderung. Es besteht die Gefahr, dass Probleme in der Sexualität durch Ausweichen verschleppt und nicht angegangen werden, dass die Beziehung verletzt und gefährdet wird.

Es braucht also durchaus einen verantwortlichen Umgang mit den neuen Freiräumen. Aber wir sollten nicht übersehen, dass das eigentliche Gut, das es zu schützen gilt, das gegenseitige Vertrauen und Raum-lassen ist.

Natürlich ist die Frage von Vertrauen und Kontrolle, von Autonomie und Verbindlichkeit so alt wie die menschliche Liebesbeziehung selbst. Einen Umgang mit diesem Spannungsfeld zu finden ist daher keine neue Aufgabe. Ich beobachte jedoch, dass in Paar- und Einzeltherapien das Thema immer häufiger in Verbindung mit den Neuen Medien auftaucht. Daher scheint mir ein Blick auf die hier beschriebenen speziellen Bedingungen dieses neuen Kontextes lohnenswert. Welche Art der Erreichbarkeit ist wirklich wünschenswert? Wie kann diese eine sinnvolle Begrenzung finden? Wieviel digitale Kontrolle ist wirklich sinnvoll und förderlich? Wie nutze ich die Freiräume der Neuen Medien, ohne dass „verbotene“ Hintertüren entstehen, die früher oder später als Fluchtweg fungieren?

Eine Antwort zu “Viel Klick in der Liebe”

  1. dpa-Meldung vom 19.03.2015 sagt:

    Online und allein – Wenn zu viel Internet einsam macht

    Mainz (dpa) – Manch einer verbringt mehr Zeit im Internet als mit seinen Freunden. Das als Problem zu erkennen, ist nicht leicht. Mit einem Nachtelfen lässt sich schlecht ins Kino gehen. Und ein Troll wird einen wohl kaum auf ein Eis einladen. Dennoch sind Helden wie diese aus dem Onlinespiele-Klassiker «World of Warcraft» vielen Jugendlichen so vertraut wie reale Freunde – was sie wiederum für viele Eltern zum Baustein eines Schreckensszenarios macht. Kann es sein, dass vor lauter Online-Zockerei die Freundschaft zum Nachbarsjungen zerbricht? Und die Schulnoten in den Keller sacken? Manfred Beutel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz, wollte das auch wissen. Er hat daher die gefragt, um die es geht: die Jugendlichen.

    Rund 2400 junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren haben an seiner Befragung teilgenommen. Dabei ging es nicht nur um Onlinespiele, sondern auch um viele andere Dinge, die sich im Netz abspielen – etwa die sozialen Netzwerke wie Facebook. Beutel stieß dabei auf einige echte Hardcore-Surfer. Bei rund drei Prozent der Befragten geht er von einer suchtartigen Nutzung des Internets aus – und von echten Problemen in der Welt jenseits von Pixeln und Gigabytes.

    Bei den Suchtkriterien habe er sich an der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung orientiert, sagt Beutel. «Das ist zum Beispiel der ausufernde Gebrauch: Ist man immer länger online? Kann man es eingrenzen oder ist man länger online als man vorhatte? Geht der erste Gang zum Computer? Und gibt es schädliche Folgen?» Dazu zählen etwa Streit mit den Eltern oder schlechte Schulnoten.

    Jugendliche, die häufig online zocken und auf Sexseiten unterwegs sind, haben demnach eine schlechtere Bindung zu ihren Freunden. Sie kommunizieren weniger, vertrauen ihren Freunden nicht so sehr und fühlen sich entfremdet. Bei den sozialen Netzwerken ist es etwas anders gelagert. Probleme gibt es aber auch dort.

    «Die vorwiegend soziale Nutzung des Internets – beispielsweise von Facebook – geht zunächst einher mit mehr Vertrauen und Kommunikation», sagt Beutel. «Dennoch: Bei den drei Prozent, bei denen es suchtartig ist, treten auch die negativen Wirkungen auf. Dann werden reale Kontakte vernachlässigt.»

    Laut Beutel treffen die Suchtkriterien bei Jungen und Mädchen ähnlich häufig zu – wobei Jungs eher bei den Onlinespielen, Glücksspiel und Sexseiten zu finden sind, Mädchen eher bei den sozialen Netzen. Auf die Frage, ob das Internet einsam macht oder ob es vor allem Einsame ins Internet zieht, sagt Beutel, er gehe von einem Teufelskreis aus.

    «Wir sehen beides. Wir sehen auch eine gewisse Veranlagung», sagt Veit Rößner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Dresden. Es gebe verschiedene Gründe, warum das Internet attraktiv für Jugendliche sei. Einer sei die Anonymität. «Man muss nicht die Angst haben, als Person verletzt zu werden. Eine Online-Abfuhr ist etwas anderes als wenn man wirklich zu einem Mädchen hingeht und einen Korb kriegt.»

    Klar ist, dass es neue Medien oft erst mal schwer haben in Deutschland. Selbst vor Büchern wurde in vergangenen Jahrhunderten gewarnt, das Schlagwort lautete Lesesucht. Für Rößner zieht der Vergleich zum Internet aber nicht wirklich. «Wir haben als Gesellschaft bei dieser wahnsinnig schnellen Entwicklung kaum Werkzeuge, um den Umgang damit gut unseren Kindern beizubringen. Das war bei der Erfindung des Buchdrucks anders.» Der habe sich über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte entwickelt.

    Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) betont, dass Computerspiele oft auch ein Gemeinschaftserlebnis seien. «Das gemeinsame Spielen ist seit jeher eine zentrale Komponente vieler Spiele und ist in den vergangenen Jahren durch die zunehmende Internet-Nutzung noch deutlich wichtiger geworden», sagt BIU-Geschäftsführer Maximilian Schenk. «Im Gegensatz zu anderen Medien wie dem Fernsehen stärken Computer- und Videospiele Beziehungen und Freundschaften.»

    Auch Mediziner Rößner benennt Vorteile. «Unsere Arbeitswelt verändert sich immer mehr zum schnellen Multitasking und zur Computernutzung», sagt er. Feinmotorik der Hand, Aufmerksamkeitsleistung oder räumliche Wahrnehmung – Computerspieler seien da häufig gut trainiert. «Auf der anderen Seite kann man das Soziale nur näherungsweise erlernen», sagt Rößner. «Man kann nicht online küssen.»

    © Copyright dpa – Es handelt sich bei dieser Veröffentlichung um eingespeistes Material des Diensteanbieters dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH im Sinne des Teledienstegesetzes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.