Weltgesundheitstag „Depression – Let’s talk“ (1)

Zum Weltgesundheitstag der WHO am 07. April 2017.

 

Depression als Zeitdiagnose?

 
Worauf ist die steigende Erkrankungshäufigkeit an depressiven Störungen in unserem Zeitalter zurückzuführen?

Wie kommt es, dass Depression im öffentlichen Diskurs geradezu als Leiterkrankung unserer Gegenwart bezeichnet wird?

Der französische Soziologe Alain Ehrenberg spricht in seinem viel diskutierten Buch „Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart“ von Zeiterscheinungen, die den post-modernen Menschen zum Defizitdenken prädisponieren:

  • Das Versagen der Autorität,
  • die Ersetzung traditioneller Normen durch die Forderung nach „Selbstentfaltung und Eigeninitiative„,
  • die Individualisierung des Objektbeziehungen sowie
  • die technischen Fortschritte der Biomedizin.

Anstelle der (traditionellen) moralischen Über-Ich-Forderungen vom Gewissen (Gebote und Verbote) stehen für den heutigen Menschen die normativen Forderungen des Ich-Ideals im Mittelpunkt:

  • Ewiges Jungsein,
  • nie nachlassende körperliche Kräfte,
  • Leistung als Regulator der narzisstischen Homöostase,
  • Selbstverwirklichung, Individualisierung, Emanzipation von allen Konventionen

Diese Eckpfeiler moderner Subjektivität sind nicht nur befreiend, sondern auch ermüdend. „Die Emanzipation hat uns aus den Dramen der Schuld und des Gehorsams entlassen, zugleich aber zu denen der Verantwortung und der Tat geführt“.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint das Subjekt in den westlichen Ländern nicht nur „erschöpft“, sondern auch fragil, es läuft einem Ideal unbegrenzter Möglichkeiten hinterher, die es sich selbst mangels äußerer Garanten der Wahrheit erschaffen muss und erlebt sich somit als unzulänglich. Eine kritische, gesellschaftlich engagierte, sozialwissenschaftlich informierte Psychotherapie hat heutzutage meines Erachtens die Aufgabe, dieser „neuen psychischen Ökonomie“ Rechnung zu tragen. Sie soll ihre emanzipatorischen Traditionen würdigen und zugleich den heutigen Menschen mit den Grenzen der Realität konfrontieren, mit seinem Mangelsein versöhnen – wenn sie selber nicht noch ein Symptom unserer Zeit sein will.

Dipl.-Psych. Dr. phil. Gerasimos Joannidis
Psychologischer Psychotherapeut
Psychologenteamleiter im Sigma-Zentrum Bad Säckingen

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