Wer verinnerlichen kann, kann auch sterben

Sterben aus psychoanalytischer Sicht

Vortrag von Prof. Dr. Erich W. Burrer am 18.3.2017 im Rahmen eines „Symposium Sterben“ an der Polizeihochschule und dem Klinikum Villingen-Schwenningen

Wenn ich mich heute bei Ihnen mit dem Thema Sterben aus psychoanalytischer Sicht auseinandersetze, spreche ich natürlich die Triebtheorie Sigmund Freuds an, genauer die vermeintliche Unvereinbarkeit von Todestrieb und Lebenstrieb an. Aber vielleicht ist es kein unvereinbarer Widerspruch.

Wir können nämlich nicht ohne weiteres leben, wenn wir nicht auch verinnerlicht haben, zu sterben. Denn das Leben ist lebensgefährlich. Leben geht immer mit der Möglichkeit einher, dass wir uns verletzen, dass wir große Fehler begehen. Es geht mit der Gefahr einher, dass wir uns tödlichen Risiken aussetzen.

Der Tod war und ist das Risiko im Lebens. Wir haben es nur vergessen, weil wir über Jahrzehnte vielleicht Glück hatten, leben zu dürfen und zu überleben. Das war nicht immer so. Der Tod war bei unseren Urahnen nahezu ein täglicher Begleiter, sei es im Krieg, bei Hunger oder bei Krankheit. Nie konnte eine Mutter sicher sein, dass ihre acht Kinder überleben. Am Ende waren es vielleicht sechs, im schlimmsten Falle noch vier, die groß wurden.

Der Tod war unser Begleiter, genau wie das Leben, wie die Aggression, die destruktiven Tendenzen und der Todestrieb. Für Überzeugungen, für Glaube, für Ideale sind wir Menschen in den Tod gegangen. Auf der anderen Seite stand der Lebenstrieb, der einherging mit Sehnsucht nach Frieden, Konsens und Liebe.

Wenn wir den Todestrieb betrachten, muss es irgendwie auch anziehend sein, zu sterben, verbunden mit dem verinnerlichten Vorstellung, mit der Urmutter oder mit Gott zu verschmelzen. Es ist die Sehnsucht nach dem Paradies unserer ersten neun Monate, aus denen wir durch die Geburt sozusagen vertrieben wurden. Das „Nichtleben“ bzw. „Noch nicht leben“ ist später somit nichts Bedrohliches in unserer Erinnerung, sondern schön. Es ist unser unbewusster Begleiter in den ersten Monaten des Daseins und des ganzen Lebens, vorausgesetzt, man hat unseren Glauben an das Leben nicht durch Entwurzelung unserer Seele zunichte gemacht.

Es war aber nicht nur Sigmund Freud, der den Todestrieb feststellte. Es sind wir Menschen selbst, die diesen latent oder offen eingestehen. Denn fast täglich konfrontieren wir uns, wenn wir Ängste haben, mit dem Sinn des Lebens, vielleicht mit dem Wunsch, dass das mühselige Leben vorbei ist, mit der Vorstellung des Todes und dem fiktiven Lebens nach ihm.

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