Wer verinnerlichen kann, kann auch sterben

Wir Menschen versuchen natürlich in erster Linie, die Gefahren des Todes zu erkennen und sie zu vermeiden. Wir können es aber nicht ohne weiteres, da wir in erster Linie Affektwesen sind, die unvorsichtig sind und den Tod indirekt herausfordern müssen, um Gefahren zu bewältigen. Manchmal erliegen wir der Angst oder unserem Bedürfnis, dass „alles ein Ende hat“. Oder wir glauben und hoffen, dass alles gut geht im Leben. Wir hoffen auf Gerechtigkeit und Fairness, damit nichts Schlimmes passiert, wir hoffen, Schmerz und Krankheit zu umgehen, wir fühlen uns aber auch schuldig oder erleben uns als Opfer der Lebensumstände. Wir sehnen uns nach einem guten Leben, manchmal aber auch nach dem Tod.

Der Tod ist im Leben verbunden mit Angst vor ihm und gleichzeitiger Sehnsucht nach ihm, bzw. nach einem inneren Frieden. Es ist eine Form von Frieden, den wir normalerweise nicht vermuten. Er beinhaltet aber die fiktive Möglichkeit, die Last des Lebens los zu werden und beinhaltet die Sehnsucht, zu dem zu werden, was wir sind und waren: Moleküle, Atome, Protonen, Neutronen und Quarkes.

Wir wissen nichts Genaues über unser Ende. Wir glauben es aber zu wissen. Wissen ist im Sinne von Karl Popper aber nur eine Annahme,  eine These. Und Annahmen begründen sich laut Karl Popper auf Glauben. Sie beinhalten nie ein endgültiges Wissen.

Wenn wir glauben, zu sterben oder es uns zumindest manchmal wünschen, sterben zu können, unterliegen wir dem evolutionär verinnerlichten Todestrieb und auch einer Vorstellung des Seins nach dem Tod. Beide benötigen wir wohl, um uns den Gefahren des Lebens zu stellen. Einem Rennfahrer geht es da nicht anders als einer werdenden Mutter. Es gibt für beide kein Glück ohne das Risiko des Unglücks. Es gibt kein Lebenstrieb ohne Todestrieb. In diesem Sinne brauchen wir die Fähigkeit, uns dem Lebenstrieb genauso wie dem Todestrieb zu überlassen, evtl. an ein fiktives Weiterleben zu glauben.  Wir benötigen die Bereitschaft, mit dem Leben ein wenig zu spielen und den Tod herbeizusehnen oder herauszufordern.

Ja ich möchte es überspitzt formulieren:
Ohne Todestrieb gibt es keinen Lebenstrieb, ohne Lebenstrieb keinen Todestrie. Denn nur sich widerstrebende Kräfte geben uns Kraft, die Konsequenzen des Lebens und des Todes anzunehmen und zu verinnerlichen.

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