Wer verinnerlichen kann, kann auch sterben

Dabei gibt uns der Todestrieb und die damit einhergehende fiktiven und verinnerlichten Konstrukte des Todes die Sicherheit, die wir im Leben anfangs nicht finden. Es ist die Sicherheit zu wissen, dass wir loslassen und sterben können.

Auch wenn wir um Glück kämpfen, setzt dies voraus, dass wir Unglück kennen. Wenn wir Sättigung ersehnen, setzt dies voraus, dass wir Hunger erfuhren. Beide Erfahrungen geben uns die Kraft, für unser Leben zu sorgen und den Tod weniger zu fürchten.

Die Polarität von Leben und Vergänglichkeit haben wir seit 100.000 Jahren verinnerlicht, genauso wie Lust und Unlust, Freude und Leid, Aggression und Friedfertigkeit.

Freud hat also Recht, wenn er von Trieben spricht, die wir heute als Affekte bezeichnen, in reifer Form als Emotionen, projiziert auf Bezugspersonen, die wir verinnerlichen.

Er hat Recht wenn er von Verdrängung spricht, die uns hilft, die Polarität von „leben wollen“ und „sterben wollen“ in der Balance zu halten und nur in kleine Schritten zu lockern, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Durch die Balance finden wir die Kraft, angemessen loszulassen und zu verinnerlichen, ohne zu resignieren. Die Polarität von Todes- und Lebenstrieb beinhaltet die Fähigkeit, der Widersprüchlichkeit des Lebens einen Sinn zu geben. Denn wer keinen Hunger hat, sieht im Essen wenig Sinn. Wer keine Angst kennt, sieht im Frieden keinen Sinn. Wer nicht um das Ende weiß, sieht in der Gegenwart keinen Sinn. Wer nicht um das Unglück weiß, kann das Glück nicht schätzen.
Der Tod ist somit der Garant, leben zu wollen. Seine Existenz lässt uns schätzen, was das Leben uns schenkt. Der realisierte Todestrieb gibt uns die Kraft, unseren Kindern ihr Leben zu gönnen, er gibt uns die Kraft, Menschen zu verlassen und verlassen zu werden.

Sterben ist gewissermaßen wie ein guter Freund, der uns die Geborgenheit unserer ersten Monate im Leib unserer Mutter wiedergibt. Sicher ist diese Geborgenheit auch abhängig vom Glauben an den Urzustand unseres Lebens. Dieser ist in uns als Gabe der Evolution meist fest verankert. Er ist uns wie das Leben vertraut.

Wer sterben muss und das müssen wir alle, braucht vielleicht eine fiktive Gewissheit, dass er nicht sterben muss, weil er sich in einen Urzustand seines Lebens begibt.

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