Wer verinnerlichen kann, kann auch sterben

Lebenstrieb und Todestrieb sind sich nicht fremd. Sie sind evolutiv gesehen in uns vorhanden und machen uns deshalb weniger Probleme, als wir glauben. Ja, der Todestrieb macht uns in gewissem Sinne frei von dem Gefühl der Ohnmacht, frei vom Gefühl, ausgeliefert zu sein, frei von Bedrohungen des Lebens. Wir haben durch ihn die Freiheit, uns entscheiden zu können: Für unser Leben oder für unseren Tod. Vielleicht war dies die Freiheit vieler Märtyrer, ihre Kraft und ihre Macht. Sie hatten nichts zu verlieren, da sie eine Alternative hatten: Ihren Tod und Ihren Glauben an Gott.

Der Todestrieb beinhaltet aber nicht, dass wir sterben wollen, er bedeutet, dass wir die Bereitschaft in uns tragen, sterben zu können. Der Todestrieb geht in diesem Kontext gewissermaßen mit der Sehnsucht nach einer inneren Homöostase einher, die uns Geborgenheit gibt.

Dabei ist es nicht so entscheidend, was wir mit der Vorstellung des Todes verinnerlichen. Entscheidend ist, dass wir verinnerlichen. Es sind vielleicht unsere Eltern, die wir in uns spüren, es ist vielleicht Gott oder es ist vielleicht unser zweites Ich, mit dem wir eine fiktive Form von Gemeinschaft bilden.

Wir Menschen verinnerlichen, weil wir Geisteswesen sind, neben dem Todestrieb auch Schönes, gute Erinnerungen, liebe Menschen, gute Gedanken, religiöse Sehnsüchte. Wir verinnerlichen Inhalte, die unserem Leben einen Sinn gaben und dem Tod einen Sinn geben.

Damit hat unser Leben für das Sterben eine große Bedeutung. In ihm verinnerlichen wir wie erwähnt Vorstellungen, Beziehungen, Personen und Zustände. Für den einen ist es die Familie, für den anderen sein soziales Engagement, für den Dritten seine großen oder kleinen Glücksgefühle. Für den Nächsten ist es seine Kreativität und sein Glauben.

Jeder kann im Prozess des Sterbens in einem Dialog mit sich selbst und mit dem, was ihm Halt gibt, treten.

Er kann dadurch sozusagen weiter leben, auch wenn er sterben muss.

Copyright: Univ. Prof. Dr. Erich W. Burrer | Sigma-Akademie

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