Zur Psychologie von Jungen und Männern

Die gleichnamige Verfilmung des Romans Fight Club von Chuck Palahniuk [1996] löste in den 90er Jahren einen wahren Hype aus. Das Video des Filmes fand reißenden Absatz, in der ganzen Welt kam es zu Fight-Club-Nachstellungen, bei denen Männer zusammenkamen, um miteinander zu kämpfen. Die Geschichte des ohne Vater aufgewachsenen, in der (Konsum-) Welt verlorenen und von seinen nicht gelebten Anteilen schlaflos gehaltenen Protagonisten, der sich durch Ausleben des abgespaltenen aggressiven Elements als Tyler Durden in selbst-organisierten Kämpfen und Männerbünden selbst zu retten versucht, traf bei etlichen Männern offenbar einen Nerv.

Seit den 90er Jahren ist die Situation für Jungen und Männer nicht einfacher geworden. „Die psychoanalytischen und mehr noch die kinderpsychiatrischen Ambulanzen sind zwischen vierzig und siebzig Prozent voll von Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, die keine altersangemessenen Affektregulationsmechanismen ausgebildet haben und deren psychische Struktur durch mangelnden väterlichen Über-Ich-Halt gekennzeichnet ist.“ [S.129, Dammasch, 2008]. Jeder achte zehnjährige Junge trägt in Deutschland mittlerweile die Diagnose ADHS. Die schulischen Leistungen der Jungen haben sich verschlechtert, immer mehr verlieren den Anschluss [vgl. Allmendinger, 2009; Dammasch, 2008; Hurrelmann, 2013]. Berichte von Schulen, in denen ein geordneter Unterricht kaum noch möglich ist, häufen sich [vgl. Berliner Morgenpost 29.1.2016; Hopf, 2014b; Spiegel-Online 30.3.2006]. Besonders in den größeren Städten wachsen kulturelle Submilieus von jungen Männern, die in Kriminalität und Gewaltsamkeit entgleiten. In Schwierigkeiten sind nicht nur Jungen und Männer aus prekären sozialen Verhältnissen, sondern auch zunehmend gut qualifizierte Männer. Während weibliche Abiturienten zuversichtlich und selbstbewusst in die Zukunft blicken, zeigen sich die männlichen Absolventen verunsichert [Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2007; Walter, 2007]. Feste Bindungen einzugehen meiden immer mehr von ihnen. Für eine wachsende Zahl von Jungen und Männern, die sich in der real-sozialen Welt unverortet fühlen,  wird der Computer zum letzten Ort, wo sie sich „richtig“ und lebendig fühlen [vgl. Bergmann, 2008; Dammasch, 2008; Hopf, 2014a, 2014b].

Die folgenden Texte widmen sich zentralen Herausforderungen für Jungen und Männern in der heutigen Zeit:

  1. die so häufige Erfahrung von Vaterentbehrung, ihren problematischen Folgen für Jungen und Männer und wie ihnen entgegengesteuert werden kann.
  2. die Aufgabe, wie eigene (abgespaltene) thymotisch-aggressive Anteile besser integriert werden können.
  3. die Frage, wie pädagogische Ansätze und Akzente in Kindertagesstätten und Schulen aussehen könnten, die sich auf die Dispositionen von Jungen einstellen und ihrem zunehmenden schulischen Abdriften entgegenwirken könnten.
  4. Auch werden Bücher über und für Männer in Entwicklungsprozessen vorgestellt.

 

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