Vom Steinzeitmenschen zum Smartphone-User

Mit:
Am: 04.04.2014
Von: 19:30 Uhr bis: 21:00 Uhr

Veranstalter:
Veranstaltungsort:
Adresse: Weihermatten 1, 79713 Bad Säckingen

Öffentlicher Vortrag zur Neurobiologie seelischer Erkrankungen

Vortrag: zertifiziert mit 2 CME-Punkten.
In unserer schnelllebigen Zeit mit permanenter Erreichbarkeit, hoher Mobilität —auch in der Freizeit Ökonomisierung in allen Lebensbereichen, subjektivem Zeitmangel, mit Verlust familiärer Strukturen, Verstädterung mit Kleinstfamilien bei gleichzeitiger Überalterung und Anstieg von Singlehaushalten, Bewegungsarmut und fast food, nehmen seelische Erkrankungen wie Burnout, ängstliche Depressionen und Suchterkrankungen nicht nur bei uns, sondern weltweit zu.

Die Komplexität der Globalisierung mit ständigen Unvorhersehbarkeiten verunsichert uns und strebt nach Selbstversicherung. Menschen flüchten in Fernsehformate, die archaischen Überlebenskampf im Urwald, Superstar-Casting oder privates Glück zu zweit zelebrieren oder entfliehen zum Abschalten in Drogen- oder Medienkonsum. Was sind die Ursachen seelischer Erkrankungen? Wie ist es möglich, mental gesund zu bleiben? Im Rahmen des Vortrags soll dieser Frage aus der Perspektive der Evolutionsbiologie und den klinischen Neurowissenschaften nachgegangen werden.

Wir „modernen“ Menschen sind das Ergebnis einer biologischen und einer seit ca. 120.000 Jahren zusätzlich verlaufenden kulturellen Evolution, was wir bei der Beantwortung der Frage nicht vergessen sollten. In uns stecken die Prinzipien der Einzeller sowie einfache neuronale Funktionsmodule (z.B. Reflexe, Nah- / Fernsinn), wie sie schon bei Würmern nachweisbar sind. Wir lösen immer noch unsere komplexen Aufgaben wie es z.B. in der Steinzeit die Beschaffung der Nahrung oder Schutz vor Feinden waren, am besten mittels Kooperation, synchronisieren uns wie Schimpansen über Gestik zum Aufbau interpersoneller Bindung und sind wie die Präriemäuse im Stande, persönliche Bindungen über lange Zeit aufrecht zu erhalten. Das Ergebnis dieser biologischen und kulturellen Evolution und der individuellen motorischen, emotionalen und kognitiven Entwicklung ist nun mal ein kooperativer, einfühlsamer, eigennütziger Angsthase mit ganz basalen und sozialen Grundbedürfnissen, welche bei Befriedigung zur physiologischen und emotionalen Balance führen und damit auch unter Stressbedingungen mentale Gesundheit erhalten bzw. Heilungsprozesse jeglicher Art günstig befördern.

Die Vielfalt der Gefühle und unserer Kommunikationsformen ist für uns Menschen notwendig, um als inhärentes Sozialwesen und Steppenläufer in einer primär eigentlich gefährlichen Welt zu überleben. Menschliche Beziehungen sind überlebensrelevant. Wer sich auf seine Wurzeln besinnt, wer Liebe, Vertrauen oder Bildung schenkt, hat hinterher selbst mehr davon, in seinem subjektiven Erleben entschleunigt er seinen Alltag und reduziert Stresserfahrung.

Im Rahmen der Veranstaltung soll die Entwicklung vom Nervensystem des Wurms zum sozialen Gehirn des Menschen kursorisch nachgezeichnet werden, motorische Koordination, Kooperation und Bindung als basale soziale Mechanismen sowie einige grundlegende Verhaltensweisen des Menschen als Sozialwesen beschrieben und das neuronale Korrelat des sozialen Gehirns adressiert werden. Konsequenzen heutiger Einflussfaktoren auf unsere steinzeitliche Biologie wie Beschleunigung der Arbeitswelt und damit verbundenes Ernährungs- und Bewegungsverhalten, die „symbolische Macht des Geldes“ oder Medienkonsum können diskutiert und in den Kontext der Neurobiologie seelischer Erkrankungen gesetzt werden. Ein leicht umsetzbares, wissenschaftlich begründetes Basisprogramm für „seelische Gesundheit“ bzw. zur Unterstützung des Heilungsprozesses bei Erkrankung wird daraus abgeleitet. Die dabei gewonnen Kenntnisse mögen dazu beitragen, Selbstwirksamkeit und Optimismus zu stärken, die eigene Selbsterkenntnis zu bereichern und die Arzt-Patient-Beziehung zu optimieren.

Buchhinweise:

Braus DF, Venter S: Einblick in das soziale Gehirn. In: Böker/Seifritz: Psychotherapie und Neurowissenschaften, S. 275-289; Huber Verlag, Bern; 2012

Braus DF: EinBlick ins Gehirn: Eine andere Einführung in die Psychiatrie. Thieme Stuttgart 2014

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