Interaktive Medizin

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Prof. Dr. Erich W. Burrer

Liebe Leserinnen und Leser,

Das Nervensystem ist der Mittelpunkt des Menschen, das über alle Bereiche des Körpers und seine Gesundheit in wesentlichem Einfluss mitentscheidet. Es spielt eine zentrale Rolle

  • beim seelischen Befinden (Neuropsychologie),
  • bei allen somatischen Abläufen im Körper (Neuroimmunologie),
  • oder im erweiterten Sinne im sozioökologische Umfeld (Neurobiologie, Neurosoziologie), das nach F. Capra wie unser evolutiv und selbstorganisatorisch entwickeltes Nervensystem geordnet ist.

Besonders die  Neurobiologie, Soziologie und Philosophie haben in den letzten Jahrzehnten die neuronal und ökologisch verknüpften Netzwerke intensiv erörtert und neue Fragen aufgeworfen. Durch die  psychologische Synergetik [H. Haken, G. Schiepek],  das Prinzip der  Selbstorganisation [1, s.u.] und die Kybernetik [H.v. Foerster]  haben wir Antworten erhalten, die auch für die psychodynamischen Behandlungen  und Verhaltenstherapie von Bedeutung sind.

Die Psychotherapeutische Medizin und die Psychiatrie beschäftigt sich deshalb seit einiger Zeit intensiv mit den systemischen Prozessen des Menschen. Medizin bedeutet für uns nicht mehr – wie im klassischen Sinne – Behandlung einer Krankheit oder Störung, sondern auch Aktivierung gesunder selbstorganisatorischer Prozesse des Körpers, der Psyche und des ökologischen einschließlich sozialen Umfeldes.
 Bestimmend dafür ist ein kybernetisches Zusammenspiel von fünf Dimensionen (Die kommunikative Vernetzung).

Es ist in der Sigma-Akademie das Ziel, Kollegen, Interessierten und Seminarteilnehmern Erkenntnisse einer regelkreisorientierten Medizin und Psychologie zugänglich zu machen. Dabei bedarf es eines Vorgehens, das den Systemen erkrankter Menschen zugleich in physikalischer, biologischer, sozialer, geistiger und emotionaler Hinsicht gerecht wird.

Hier hilft eine ökologisch-kybernetische Sichtweise, wie sie schon vom Helm Stierlin und Michael Wirsching 1982 beschrieben wurde. Sie ermöglicht in klassischen Therapien steuernde Ansätze, bei denen durch regelkreisbezogenes Ordnen von verschiedenen medizinischen und psychotherapeutischen Behandlungen das jeweilige Krankheitsgeschehen nachhaltiger, spezifischer und schneller behandelt werden kann.

Kybernetisches Handeln ist dabei nicht Behandlung, sondern die Bereitschaft von Patient und Therapeut, sich gegenseitig als Partner zu erleben, auch wenn der eine krank ist und der andere als Helfer ihm zur Seite steht. So gelingt es, in klassischen Therapieverfahren (z.B. Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie) steuernd in die gestörten Regelkreise somatischer, psychischer und sozialer  Prozesse einzugreifen.

Herzlichst

Ihr
Erich W. Burrer, Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c.,
Arzt für Psychosomatische Medizin, Arzt für Nervenheilkunde, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Systemische Therapie)

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[1] siehe auch Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation Göttingen. Das Institut wurde 1925 als Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung gegründet und gehört zu den ältesten und traditionsreichsten der Max-Planck-Gesellschaft.