Therapie als interaktiver Prozess

Das Leben hat sich auf der Erde über viele Millionen Jahre entwickelt, dabei in erste Line nur als biologische bzw. physikalische Erscheinung. Das menschliche Leben stellt sich mit seiner Fähigkeit zu Kulturleistungen als informativer und damit geistiger Prozess dar [H. Morowitz 1992].

Die menschliche Entwicklung stellt sich im Sinne einer höheren Komplexität in einem informativ biologischen, physikalischen, sozialen, emotionalen und geistigen Prozess dar. Diese fünf Systeme stehen in Wechselwirkung zueinander. Deshalb verstehen wir Medizin auch nicht als Behandlungskonzept, sondern als Behandlungsprozess.

Therapie ist nicht isoliert zu betrachten, sondern ein Prozess des Lebens. Gesundheit heißt, durch diesen Prozess korrigierende Informationen zu ermöglichen. Oder anders ausgedrückt: Gesundheit, und damit Behandlung, ist die Steuerung interaktiver Prozesse.

Unser medizinisches Verständnis

1. Medizin ist Prozess

Wenn ein Patient die stationäre Behandlung in einer unserer Kliniken beginnt, geht es darum, dass er zwar einerseits medizinisch behandelt wird aber andererseits dennoch in der Lage ist, auch psychotherapeutisch an sich zu arbeiten. Dies bedeutet, dass der Patient nicht nur untersucht und behandelt wird und zum Beispiel Medikamente erhält, sondern es wird darüber hinaus versucht, einen Prozess in Gang zu setzen, bei dem der Patient – mit ärztlicher Hilfe – selbst versucht, gesundheitliche Probleme als Neubeginn zu begreifen. Wir als Therapeuten haben dann die Aufgabe, den Patienten bei seinem Heilungsprozess zu begleiten und darauf zu achten, dass er gefordert wird, aber sich gleichzeitig auch nicht überfordert.

2. Die Symptome (körperlicher oder seelischer Art)

Ein Patient kommt meist mit Konfliktbelastungen und Symptomen, die einer akuten Therapie bedürfen, in die Klinik. Die Symptome sind Folgen einer Erkrankung, die somatisch oder psychopathologisch diagnostiziert werden muss. Die Erkrankung wiederum ist Ausdruck nicht rechtzeitig wahrgenommener beziehungsweise ernst genommener körperlicher oder seelischer Probleme.

3. Die Ursachen (Diagnostik)


Bei Therapie, wie wir sie verstehen, reicht es nicht aus, nur eine Ursache zu behandeln, es müssen auch begleitende und sich gegenseitig verstärkende Ursachen verstanden werden. Das ist nicht einfach, weil jeder, der leidet, zunächst nur ein Ziel verfolgt: Er will sein Leiden am liebsten sofort „loswerden“. Insofern wird der Patient erst einmal Schwierigkeiten haben, zu akzeptieren, dass wir zum Beispiel körperliche Untersuchungen durchführen und Fragen stellen, die mit seiner Symptomatik anscheinend nichts zu tun haben.
Der Patient wird unter Umständen denken, dass es uns um belanglose Dinge geht und wir seine Krankheit nicht ernst nehmen. Erst im Laufe der Zeit kann er aber spüren, dass Untersuchungen und Gespräche mit den Symptomen in Zusammenhang stehen. Ein Beispiel: Während einer gruppenpsychotherapeutischen Sitzung könnten sich seine Kopfschmerzen verstärken, was den Patienten dann eventuell daran erinnert, dass er auch im Beruf häufig Bluthochdruck hat und dann kommt er vielleicht zu dem Schluss, dass es einen Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und Stress gibt. Der Patient erlebt also, dass seine Symptome mit menschlichen Konflikten, Stress oder Ängsten zu tun haben. Deren Dramatik kann aber durch den Dialog abgebaut werden. So erlebt der Patient, dass Heilung auch durch Herstellung einer Beziehung zu den Krankheitsursachen beginnt.

4. Der Konflikt (Die Auseinandersetzung mit der Krankheit – Realitätsarbeit)

Natürlich entsteht zwischen dem Behandler und dem Patienten ein Konflikt, wenn zur Krankheit des Patienten für ihn auch noch die Aufgabe hinzukommt, die Krankheit zu verstehen und die Ursachen und Zusammenhänge herauszufinden. Der Patient fühlt sich damit meist „überfordert“, denn er fürchtet auf der einen Seite seine gesundheitlichen Probleme oder Ängste, und muss sich auf der anderen Seite aber mit ihnen auseinandersetzen. Es findet eine Parallele zum Leben außerhalb der Klinik statt, wo er vielleicht auch mit dem Schicksal hadert, ohne sich mit ihm auseinandersetzen zu können.
 Der nächste Schritt in der therapeutischen Entwicklung ist dann, dass der Patient erkennt, dass er in vielen Bereichen Konflikte mit sich selbst hat. Er entdeckt Probleme in sich, die ihn oft daran hindern, das zu tun, was er im Grunde genommen für richtig hält. Ist dieser Prozess in Gang gesetzt, ist der  Therapeut auch kein „Gegner“ mehr, wie er vielleicht anfangs häufig vom Patient erlebt wird, sondern er ist sein Verbündeter auf dem Weg zur Gesundung.

5. Die Interaktion (Beziehung und Krankheit)

Die Beziehungen zu Mitpatienten oder dem Personal bringen oft Probleme zum Ausdruck, die der Patient auch in seinem Alltag hat. Im Unterschied zum heimatlichen Umfeld hat er aber im therapeutischen bzw. klinischen Rahmen die nötige Distanz.
Der Patient kann sich in der psychotherapeutischen Interaktion anders erleben und seine Probleme differenzieren.
Er erlebt sich durch Interaktion körperlich und seelisch „getragen“, ohne, wie zu Hause, hilflos zu sein. Er kann erfahren, dass er viele seiner Probleme und Symptome durch das Umfeld verursacht sieht, sie im Grunde aber selbst initiiert (70% aller Erkrankungen werden durch falsche Lebensweise und Stress hervorgerufen).

6. Die Reinigung und Entspannung („Katharsis“)


Wenn ein Patient seine gesundheitlichen Probleme durch Diagnostik, ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe, mit oder ohne Medikation, versteht („Aha-Effekt“, „Katharsis“) und sie annehmen kann, entsteht eine Entspannung. Er kann beobachten, dass Symptome sich verringern. Er kann sich selbst ernst nehmen und erlebt, dass er in seinen Sorgen respektiert wird. Das heißt: Realität wird möglich.

7. Das Ergebnis („Homöostase“)


Das Symptom ist der Versuch des Körpers und der Seele, auf Störungen ihrer Gleichgewichte hinzuweisen. Das wieder gefundene Gleichgewicht („Homöostase“) führt zur Heilung oder zur Möglichkeit der Lebensbewältigung. Die Voraussetzung, Leben, Krankheit und Heilung als Prozess zu sehen, ist gegeben und das bedeutet: Gesundheit wird möglich.

8. Die Änderung (Therapie)


Der Patient kann im Schutz des therapeutischen Umfeldes erleben, wie Menschen mit Hilfe anderer lernen, dass sie in ihrer Persönlichkeit respektiert und angenommen werden, so wie sie sind und nicht wie sie „sein sollten“. Sicher wird manche Illusion der Wirklichkeit Platz machen müssen. Diese Wirklichkeit gibt aber Geborgenheit, weil sie Grenzen darstellt, Orientierung und die Möglichkeit zur Entfaltung und Gesundheit.
Damit kann der Patient mit Hilfe der stationären Behandlung gesundheitliche Schwierigkeiten ordnen, akzeptieren und lösen. Indem man weiß, dass Krankheit zum Leben gehört, sie allen Menschen begegnet, wird Therapie zu einem gesteuerten, verstehenden und annehmenden Prozess, und: Änderung wird möglich.