Über uns – Konzeptionelles Grundverständnis

pentagramm

Die Sigma-Akademie will den wissenschaftlichen Diskurs über die interdisziplinäre therapeutische Betrachtung und Analyse des kybernetischen Wechselspiels der Kräfte und Einflüsse zwischen Körper und Psyche und die klinischen Anwendungsbereiche dazu fördern. Zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen des gemeinnützigen Psychotherapieseminar Freudenstadt e.V. sehen wir deshalb unsere Aufgabe darin, Medizin als Organisation und als Informationsprozess – sowohl des Körpers als auch des ökologischen Umfeldes – zu begreifen. Gesundheit ist für uns nicht einfach die Behandlung einer Störung. Gesundheit bedeutet unseres Erachtens die therapeutische Neuorientierung des Menschen in einer interdisziplinär strukturierten Medizin.

Die Akademie stellt interdisziplinär Beiträge zum wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs für stationäre und ambulante Aktivitäten der Medizin z.B. durch niedergelassene und klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen und Vertreter aus nichtmedizinischen Institutionen zur Verfügung. Unser Ziel ist, die medizinischen Aktivitäten eines Menschen, die sich häufig neutralisieren, sinnvoll zu entflechten, zirkulär zu ordnen und an die Erfordernisse des einzelnen Menschen anzupassen.

Aus der Sicht der psychologischen Medizin wird dabei Folgendes erörtert:

  • Beispiele aus fachlichen Kontexten, d.h. mit biographischem, diagnostischem, systemischen Hintergrund,
  • Erläuterung der allgemeinen Prinzipien und der speziellen Interpretationsregeln an diesen Beispielen,
  • gemeinsame Interpretation des Materials, um die Funktion desselben zu erkennen sowie ergänzende (kleine) Hausarbeiten.

Teilaufgaben sind dabei

  • Ausschnitt einer Biographie als naheliegender Einstieg,
  • biographisch-strukturiertes Interview (eventuell auch der Ansatz eines fortgeschrittenen biographischen Interviews nach systemischen Verfahren),
  • narratives Interview, Trauminterpretation, (primär um den psychodynamischen Hintergrund und die Gesprächsführung zu reflektieren),
  • Beispiel einer psychiatrischen Anamnese mit systemischem (zirkulärem) Fragen,
  • Beispiel einer Verhaltensanalyse,
  • Beispiel psychologischer Testwerte (z.B. Persönlichkeits-Fragebogen) als Interpretationsaufgabe,
  • Inhaltsanalysen (z.B. Murrays TAT)
  • sowie natürlich auch ein Erläutern der Übertragungsprozesse, der Informationstheorie, auch unter den Gesichtspunkten der Evaluation.
  • Aus Sicht der Medizin sind weitere Themen wie Körpertherapie und Körperpsychotherapie zu nennen, die in gesonderten Seminaren integriert werden müssen. Die somatischen Behandlungen werden nur theoretisch erörtert, praktisch aber an „Körperärzte“ delegiert.

Grundlage ist ein ganzheitlicher psychologisch-medizinischer Ansatz: Als philosophischen Hintergrund für unsere Arbeit, Diskussion und Behandlungsansätze betrachten wir die Psyche als einen neurobiologisch selbstorganisatorischen Prozess [Eric Kandel, 1976, 2008]. Sie bzw. das alle Information verarbeitende Gehirn und mit ihm das hormonelle System und periphere Nervensystem haben ein individuelles Gedächtnis für alle Formen von Reizen (Körperliche Erlebnisse, Emotionen, Wissen, Umwelt) und ermöglichen ein Lernen aus Erfahrung. In dieser komplexen Beziehung kann es somit nicht DIE Therapie geben, sondern verschiedene therapeutische Interventionen, die zu einer selbstorganisatorisch somatischen (Immunsystem) oder psychischen (Neuroplastizität) Heilung beitragen.

Die „Psycho-Somatik“, wie wir die psychologische Medizin auf Grund der Interaktion und Selbstregulation von Psyche und Soma auch bezeichnen, beinhaltet kybernetische Abläufe (Regelkreise, Informationstheorien etc.).  Diese „Psycho-Somatik“ stellt einen Teilbereich der Medizin dar,  der einer ständigen Ergänzung, wie alle lebende Systeme, bedarf. Der Begriff Kybernetik leitet sich von dem griechischen Wort ‚kybernetes‘ ab. Das bedeutet „Steuermann“ eines Schiffes. Sinngemäß können alle Menschen bei Bewusstsein im Umgang mit ihrem Körper und ihrer Psyche ihr eigener „Steuermann“ werden, d.h. ihr Handeln interaktiv und selbstregulativ beeinflussen. Dazu leitet die Behandlung, wie wir sie verstehen, den Patienten an.

Ausgangspunkt der Therapie ist deshalb die Förderung von somatischem Verständnis, emotionaler Wahrnehmung, Bewegung und interaktivem Handeln als Basisfähigkeiten für Selbstorganisation und Heilung. Der Patient wird zum  K l i e n t. Durch Handlungen können nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene ihre Wahrnehmung verbessern und lernen, sich somatisch (z.B. motorisch) und psychisch (z.B. sprachlich)  zu steuern. Damit werden zentrale Bereiche des Gehirns trainiert, welche für das Körpererleben (z.B. Selbststeuerung), für das emotionale Lernen (z.B. Vertrauen) und den Stoffwechsel (z.B. Adrenalin-oder Cotisolausschüttung) Schlüsselfunktionen haben. Bei der therapeutischen Anwendung kybernetischer Methoden im Bereich der „Psycho-Somatik“ lassen sich drei Hauptbereiche unterscheiden:

  1. die Beschreibung von Psychologie und Medizin als Regelung,
  2. die Verwendung informationstheoretischer Methoden aus der Lerntheorie,
  3. die Aktivierung rückkoppelnder Systeme des Körpers und der Psyche.

Die Verwendung informationstheoretischer Methoden im Bereich „Behandlung“ führt zu dem Ergebnis, dass Therapie als Interaktion personeller Information und somatischer Selbstorganisation aufgefasst werden kann. Durch den neurobiologischen bzw. psychischen Informationsaustausch [Maturana / Varela. 1990] und dem dadurch resultierenden Aufbau von Ordnung gewinnt der Patient (wie auch jeder gesunde Mensch) selbstregulativ in seiner somatischen und psychischen Entwicklung Stabilität und Bewusstseinskapazität für die Bewältigung seiner Probleme. Durch die Verwendung informationstheoretischer und selbstregulativer Methoden werden somit psycho-somatische und somato-psychische Therapien präzisiert.

Die Programmierung rückoppelnder  Lernsysteme ist dabei eine Methode im Sinne der Zielerreichung durch ein sich selbst regulierendes System.
Die kybernetisch-informationstheoretische psychologische Medizin („Psycho-Somatik“) leistet einen Beitrag zur Entwicklung und Präzisierung allgemeiner Theorien medizinischer Behandlungen, auch der Präventivmedizin. Kybernetische Organisationspläne für Behandlung, Prävention und Psychoedukation sind wichtige Bausteine in Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Allgemein- und Sozialmedizin.

In Anlehnung an die Kybernetik, die zielgerichtete Steuerungsprozesse „Regelungen“ nennt, wird der Therapieprozess als Regelungsvorgang gesehen und als Regelkreis dargestellt.
Der „Soll-Wert“ der Therapie wird das Ziel genannt, als „Regler“ fungiert der Therapeut. „Stellglieder“ sind Befunderhebungen. Befindlichkeiten der Patienten dienen als „Messfühler“ der therapeutischen Kontrolle. Diese Methoden werden als eine festgelegte Abfolge von Steuerungsmaßnahmen angesehen.
Strategien sind dabei jeweils von Gesprächsziel und Klient abhängig. Für eine effektive Vermittlung von Information sind zwei Strategien vorhanden: Information vor einem Gespräch mit dem Klienten und Wiederholung derselben nach einem Gespräch.
Erkenntnis ist  dabei – im Unterschied zur bloßen Kenntnis – die Erfassung von Zusammenhängen sowie das Einordnen von Einzelinformationen in einen bekannten Zusammenhang. Diese Prozesse lassen sich nicht so einfach steuern wie die Speicherung von Informationen (Kenntnissen). Erkenntnisstrategien teilt man deshalb in zwei Kategorien ein:

  1. darstellende Kategorien, in denen der bestehende Zusammenhang von Ursache und Wirkung für den Klienten sicht- und wahrnehmbar wird,
  2. physiologische Strategien, in denen es um die Aktivierung von somato-psychischer oder psycho-somatischer Selbstorganisation geht.

Die Planung einer Therapie vollzieht sich in drei Schritten:

  1. Entwicklung einer therapeutischen Strategie
  2. Planung der somatischer und psychischen Behandlungen
  3. Festlegung therapeutischer Stationen und Kontrollen derselben

Die Verwendung kybernetischer Modelle und Methoden in der psychologischen Medizin kann somit zur Präzisierung und Optimierung von Behandlungen beitragen. Sie ermöglichen selbstbestimmtes Handeln der Patienten und eine partielle Mitverantwortung im Therapieverlauf. Dadurch kommt es zu Unregelmäßigkeiten, die im positiven Sinne als therapeutische „Störgrößen“ bezeichnet werden. Dadurch wird die Selbstorganisation der Psyche (Lernen aus Erfahrung), aber auch von somatischen Prozessen (Immunsystem) aktiviert.

Die Reduktion von Therapie auf eine psycho-somatische und somato-psychische Interaktion widerspricht nicht einer gezielten Behandlung, da Kreativität und Selbstorganisation sowohl somatisch als auch psychisch Bestandteil von Heilung sind (Hippokrates: „medicus curat, natura sanat“). Genau genommen handelt es sich deshalb bei jeder Heilung und Behandlung um einen „sozio-neuro-psycho-bio-somatischen Prozess“  innerhalb eines ökologischen Umfeldes. Diesem Anspruch kann man natürlich therapeutisch gesehen nicht immer gerecht werden. Im kybernetischen Sinne muss man es aber auch nicht, da der Mensch und sein Körper lernfähig sind und selbstorganisatorisch therapeutische Impulse verwerten.

Wir als Therapeuten müssen also wieder lernen, unseren Patienten bzw. deren selbstorganisatorischen Fähigkeiten zu vertrauen.

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Erich W. Burrer